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PropTramganda!

Im Abstimmungskampf zum Tram Region Bern geben die Kontrahenten auch bei den Werbemitteln Gas wie das Neuner-Tram auf der Seftigenstrasse. Ein kleiner Überblick.

Offizielle Logos an der falschen Stelle, ein geklautes Corporate Design einer Gemeinde: Die Trambefürworter mussten letzte Woche für ihr Propagandamaterial einige Rügen hinnehmen. Doch auch die Gegner verteilten Broschüren mit falschen Zahlen. Es wird mit harten Bandagen gekämpft. Zu einer näheren Betrachtung haben wir einige der Werbemittel rausgepickt, welchen in den letzten Tage etwas weniger mediale Aufmerksamkeit geniessen durften:

tramflyer-1
Kreativität: Gute Form: Der Flyer ist auch ein Bastelbogen. Das sorgt dafür, dass er nicht achtlos auf den Bussitzen liegengelassen wird, der Chauffeur an jeder Endhaltestelle ein Bündel mit Altpapier schnüren muss und sich so im Pendlerverkehr noch mehr Verspätung einfängt.
Charme: Eine Charmeoffensive wie eine defekte Oberleitung: Ein illustrativer Stil mit wenig Hang zur realistischen Darstellung suggeriert eine Kinderzeichnung. Leider erkennt man dennoch den professionellen Strich und ist leicht verstimmt. Für solche Fälle sollten Illustratoren und Illustratorinnen unbedingt mit ihrer schwächeren Hand arbeiten.
Fazit: Die Interaktivität bringt Pluspunkte. Ebenfalls der Wille zur Diversität: Es gibt die Business-Frau, den Mann mit dem Kinderwagen, aber auch den coolen Skater. Leider fehlen hier zur Vollständigkeit Personen mit erkennbarem Migrationshintergrund sowie Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung.

tramsardinen
Kreativität: Mässig. Die Bezeichnung öffentlicher Verkehrsmittel als Sardinenbüchsen steht seit 1982 auf der «Rote Ampel! Vermeiden!»-Liste des internationalen Verbandes der Verkehrsjournalisten- und journalistinnen.
Charme: Freundliche Menschen versuchen, den Betrachter mit einem Lächeln abzuholen. Die kleinteilige Darstellung und die lieblos ausgewählten Elemente Schrift und Hintergrund lassen den Flyer jedoch leider langweilig und wenig attraktiv erscheinen.
Fazit: Leider nur halb gelungen. Die Botschaft erreicht den Betrachter so locker, wie ein Tram die Haltestelle Rüti bei Regen (sollte es keinen Tunnel geben).

tramcartoon
Kreativität: Ein Wimmelbild! Da holen Tramschienen einen Velofahrer von den Rädern, während ihn eine Tramgegnerin mit Hund schadenfreudig beobachtet. Das Tram ist voll wie eine…äh…Sardinenbüchse, mit den Allee-Bäumen wurden gleich ganze Häuserzeilen gefällt. Eine schaurige-schöne Horrorvision.
Charme: Auch hier setzt man auf die Kraft des menschlichen Federstriches. Kantige Figuren und viele kleine Geschichten laden ein, auch die Botschaft zu verinnerlichen.
Fazit: Gelungen. Plakativ, aber humorvoll. Ein Flyer, der auch Trambefürworter erfreut – weil sie überzeugt sind, dass es sicher nicht so wie dargestellt herauskommt.

albtram
Kreativität: Ausgeprägt. Das tragende Wortspiel ist so einzigartig, wie ein pünktlicher Zehnerbus zu Stosszeiten.
Charme: Eine sehr liebevolle Fotomontage, mit einem Auge für das Detail (beachten Sie die Spiegelung des Bären im Tram!). Hier wird konsequent auf die Do-it-yourself-Ästhetik gesetzt. Das sorgt für einen «Das könnte ich auch»-Effekt und erleichtert dem Betrachter die Identifikation mit dem Sujet. Sehr charmant!
Fazit: Tramhaft! Klarer Sieger. Eine gute Idee gut umgesetzt. Die Macher sind nah am Volk und nehmen dessen Ängste ernst: Was kann man sich in Bern schlimmeres Vorstellen, als einen freilaufenden Bären mitten in der Stadt?

Christian Zellweger

Christian Zellweger geht seit 2010 unter den Lauben Berns und schaut, wer auch schaut.


Publiziert am 8. September 2014

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3 Kommentare

  1. Hans-Martin Bürki-Spycher says:

    Bravo Herr Zellweger! Sie behalten die Ruhe im überhitzen Abstimmungskampf und nehmen die Sache mit der nötigen Prise Humor. Geistreich, witzig, fantasievoll. Das tut gut!

    • veronika minder says:

      yep! ganz witzig. macht gute laune…
      und wir anti-10ni-engagierte werden nicht schon wieder als humorlose fortschrittsgegner und bäumeumarmerinnen charakterisiert sondern als do-it-yourself kreative

    • Vicenta Garcia says:

      So wie Hans-Martin beschreibt oder auch Veronika Minder, ist es echt eine Erfrischung den Artikel zu lesenund es hinterlässt ein Lächeln auf meinem Gesicht.
      Humor tut gut, vorallem wenn die “Angelegenheit” ziemlich hitzig abläuft.
      Danke Herr Zellweger.

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  1. Hans-Martin Bürki-Spycher says:

    Bravo Herr Zellweger! Sie behalten die Ruhe im überhitzen Abstimmungskampf und nehmen die Sache mit der nötigen Prise Humor. Geistreich, witzig, fantasievoll. Das tut gut!

    • veronika minder says:

      yep! ganz witzig. macht gute laune…
      und wir anti-10ni-engagierte werden nicht schon wieder als humorlose fortschrittsgegner und bäumeumarmerinnen charakterisiert sondern als do-it-yourself kreative

    • Vicenta Garcia says:

      So wie Hans-Martin beschreibt oder auch Veronika Minder, ist es echt eine Erfrischung den Artikel zu lesenund es hinterlässt ein Lächeln auf meinem Gesicht.
      Humor tut gut, vorallem wenn die “Angelegenheit” ziemlich hitzig abläuft.
      Danke Herr Zellweger.

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