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Stöpsel rein

Anwohner und Interessengemeinschaften wollen dem nächtlichen Stundengeläut der Kirchenglocken den Garaus machen. Eine denkbar schlechte Idee. Ein Plädoyer für mehr Lärm im Alltag.

In der Länggasse ist es bereits passiert. Auch in Bethlehem, im Wankdorf und im Kirchenfeld. Und nun soll es auch in Worb geschehen: Man will die Kirche nicht länger im Dorf lassen, oder zumindest das Glockenläuten zum Stundenschlag aussetzen. Der Grund: Störung der Nachtruhe. Der Druck auf die Kirchen wachse stetig, findet Twanns Gemeindepräsidentin Margrit Bohnenblust (SP), deren Gemeinde bei einer Abstimmung am Stundengeläut festhielt. «Dass das weltliche Geläut in der Nacht ausgesetzt wird, dürfte sich künftig durchsetzen.»

Diese Aussage entspricht wohl der Wahrheit, stimmt aber nachdenklich. Nicht, weil das nächtliche Aussetzen des viertelstündlichen Geläuts die christlich-abendländische Kultur in Gefahr bringt, wie viele Kommentarschreiber befürchten. Es steht ja nicht das sogenannte kirchliche Geläut zur Debatte, jenes, das am Sonntagmorgen zum Gottesdienst aufruft. Sondern das sogenannte weltliche oder bürgerliche Geläut, das die Zeit anzeigt, weil es irgendwann zu mühsam wurde, den Verlauf der Zeit am Schattenstand der Dorflinde abzulesen, und diese Methode gerade in der Nacht sehr unpraktisch war.

Komm heim, es ist nicht mehr weit

Das Glockengeläut gehört fest zur Klangkulisse der Städte und der Dörfer. Es ist sogar die einzige Brücke über den Stadt-Land-Graben, hier Autolärm, dort Kuhglocken, und dazwischen: Kirchenglocken. Landauf, landab, alle Viertelstunde mal. Kirchenglocken sind Signale des menschlichen Daseins. Wer sich im Wald verirrt – kann passieren – und eine Glocke hört, der weiss, welchen Weg er zu gehen hat.

Im deutschsprachigen Raum gibt es unzählige Glockensagen, die von der heilen Rückkehr verirrter Wanderer berichteten, die dem Glockenschlag gefolgt waren (die meisten spendeten danach dem Dorf eine neue, schönere Glocke). Mancherorts war das «Verirrtenläuten» eine allabendliche Tradition: Komm heim, es ist nicht mehr weit, signalisierte es den umherirrenden Wanderern.

Reize auf Abruf

Wer schlaflos im heimischen Bett liegt, ist auf ein solches klangliches Navi freilich nicht mehr angewiesen. Und trotzdem ist das viertelstündliche Läuten doch eine schöne Rückversicherung: Man liegt im Bett, allein mit seinen Gedanken, und plötzlich wird einem versichert: Du bist nicht allein, die Chance ist gross, dass soeben jemand anderes ebenfalls schlaflos im Bett liegt und Zeuge ebendieser Schläge wird.

Abgesehen von Kirchenglocken und Verkehrslärm gibt es kaum mehr Tonsignale, die alle Menschen gleichsam empfangen, unabhängig davon, ob sie es wollen oder nicht. Der moderne Mensch in der modernen Gesellschaft ist zum User geworden: Er nutzt Inhalte, wann und wo es ihm passt. Er sieht Fernsehsendungen on demand, streamt Serien und hört Podcasts. Er holt sich seine Reize auf Abruf.

Ein Sinneseinfluss, der sich nicht steuern und nicht abschalten lässt, steht quer in der Landschaft dieser Entwicklung und führt dazu, dass wir unflexibler werden. Alles andere kann der aufgeklärte Konsument regulieren, nicht aber die Klangemissionen seiner Umgebung.

Und so nimmt er Einfluss, wo er kann: Er lässt die Statthalter dieses Landes Lärmbeschwerden wälzen, wegen Clubs, wegen Gartenbeizen, wegen Kuh- und wegen Kirchenglocken. Als Nächstes ist das Kindergeschrei aus der Kita gegenüber an der Reihe, dann der Gockel auf dem Miststock des Nachbarn und schliesslich der Maroniverkäufer mit seinem gellenden Organ.

Allen diesen Menschen ist nur eins zu raten: Stöpsel in die Ohren und gute Nacht.

Die unfassbar wirkungsreichen Wachsohropax «Classic» gibt es in der Migros im Zehnerpack à SFr. 13.90, was runtergerechnet sogar noch etwas weniger kostet als ein Grossbrief A-Post ans Regierungsstatthalteramt.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 1. September 2014