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  • Einst stand da: "Putzen=Klirr". Beim Botanischen Garten hat man sicher dafür entschieden, die Drohung durch ein etwas einfallsreicheres Sujet zu ersetzen - eine nette Art, diese zu ignorieren. Und Grün passt sowieso besser.

  • Weniger knallig, dafür niedlich: Schelmisch starrt dieser Uhu am Loryplatz durch die Tramfenster. Sonst ist da nur Moos - warum lässt man das eigentlich nicht entfernen?

  • Good old Jim Morrison greift nach den Passanten. Dieser Stromkasten beim Steigerhubel trägt ein Stück Rockgeschichte auf sich, im Vergleich zu den anderen Kästen ist er ein feiner Hingucker.

  • Der Bahnhof in Ausserholligen ist weder Wohlfühloase noch Augenschmaus.
    Der Knochenmann jedenfalls tut seinen Dienst: Er spiegelt die Blutarmut des Ortes wider. Wer sich zum Warten auf eine Bank setzt, hat immerhin etwas zum Anglotzen.

Das kann man so stehen lassen

Bern bekennt Farbe – zumindest unfreiwillig: Die meisten Graffiti in der Innenstadt und deren Umgebung sind den Behörden ein Dorn im Auge, und die Entfernung kommt ihnen teuer zu stehen. Der «Hauptstädter» zeigt, wo man Kosten sparen kann.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Kunst und Verwüstung: Von der kleinen Agglo-Gemeinde bis zur Millionenmetropole finden sich Graffiti an Fassaden, Brückenpfeilern oder in Bahnunterführungen. Für die einen zeugen die Sprayereien von einer verwahrlosten, unterbeschäftigten Jugend. Gern hätten sie ihre Ortschaft blitzeblank und scheuen bei der Entfernung keine Kosten. Für andere wiederum zeugen Graffiti von Weltoffenheit und Urbanität; weniger Prunk und Glanz, dafür etwas Schmutz und Verruchtheit gehören für sie in eine Stadt. Gern stellen sie dann Bern in eine Reihe mit Berlin oder Madrid und meinen, Sprayen sei Ausdruck einer lebendigen und selbstbewussten Stadtkultur.

So oder so: Für Liegenschaftenbesitzer sind Graffiti zweifellos ein Graus. Die allermeisten sind denn auch keine Kunstwerke, sondern Tags – kurze Schriftzüge, mit denen der Schöpfer sein Revier markieren will. Man kennt das aus dem Tierreich – nur dass man bei Graffiti meist nicht wegen des Uringeruchs, sondern allenfalls wegen der optischen Zumutung die Nase rümpfen muss. Anhand der Tags kann man manchmal sogar das Alter der Sprayer erraten: Die Wahl der Farbe und des Pseudonyms liefern bei gewissen Exponenten eindeutige Hinweise auf eine intensive Selbstsuche, wie man sie von der Pubertät her kennt.

Wird das Anbringen von Graffiti nicht ausdrücklich erlaubt, handelt es sich um illegale Sachbeschädigungen. Die Entfernung kostet die Stadt jährlich mehrere Hunderttausend Franken. Da helfen auch mobile Spraywände nicht viel – wer sich mit «Fuck the System» zu verewigen versucht, geht kaum auf diesen Kompromiss ein. Die Behörden wissen ausserdem oft selbst nicht, wie sie damit umgehen sollen: Wie viel Sprühfarbe verträgt der öffentliche Raum? Wie hält man unter Spardruck ein Unesco-Welterbe sauber? Sollen gar Kameras installiert werden, um die Übeltäter zu überführen?

Ob legal oder nicht – die Graffiti sind nun einmal da. Ungeachtet der Diskurse über Sauberkeit und Urbanität hat sich der «Hauptstädter» auf die Suche nach solchen gemacht, die man getrost stehen lassen kann (die Ergebnisse finden Sie in der Bildstrecke).

Entscheidend für die Auswahl waren zwei Kriterien:

    • 1. Es gibt Orte, die sind sowieso hässlich – man denke dabei an Bahnunterführungen oder Verkehrsknotenpunkte. Ein gekonnt platziertes Graffito tut diesen Orten nichts zuleide; schlimmstenfalls bleiben diese Stellen wüst und unbeachtet. Bestenfalls aber werden sie durch die Farbtupfer aufgewertet.

 

  • 2. «Ein Stadtspaziergang lohnt sich vor allem wegen der zahlreichen Grauflächen, deren Reinheit von Modernität und hohem ästhetischen Bewusstsein zeugt» – haben Sie so einen Satz je in einem Reiseführer gelesen? Wohl nicht, denn wie sauber sie auch sein mögen: Kahle Betonwände tragen nun wirklich nicht zur Verschönerung des Stadtbilds bei. Grau strahlt mehr Tristesse und Langeweile aus denn Anmut (und wer behauptet, die Farbe Grau sei schön, schliesslich gebe es doch «Fifty Shades of Grey», der hat etwas nicht ganz verstanden).

Die Bilder in der Bildstrecke sind eine Stichprobe – Hinweise auf betonklotzaufwertende Kunstwerke werden gerne in der Kommentarspalte entgegengenommen. Am besten mit bild an: ebundredaktion@derbund.ch

Simon Gsteiger

Simon Gsteiger kommt ursprünglich aus der Provinz. Bern ist für ihn eine Metropole in Miniaturformat, deren Gemütlichkeit er zu schätzen weiss.


Publiziert am 8. August 2014

3 Kommentare

    • Hanna Jordi says:

      Zu den Bildstrecken gelangen Sie jeweils über den blauen Button auf dem Foto. Im Firefox funktionieren die Bildstrecken problemlos, alte Explorer-Versionen bekunden jedoch leider Mühe…

  1. Mitros says:

    Argument Nummer 1 ist massgebend. Wie viele Orte werden in der Stadt durch hässliche, sterile Bauten aufgewertet? Bestes Beispiel in der Schweiz ist Zürich rund um die Hardbrücke. Was sich dort die Architekten für einen jämmerlichen Wettlauf um das hässlichste Gebäude leisten ist meiner Meinung nach nur noch traurig. Zudem stehen diese Bürogebäude auf den meisten Etagen leer. Da kommen Graffitis zum Zug, und ich bin froh darum, denn sie zeigen dass in der Stadt gewisse Leute noch leben. Sie lassen den sinnlosen Bauboom nicht einfach passieren, denn man ist ja schliesslich Teil dieser Stadt.

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    • Hanna Jordi says:

      Zu den Bildstrecken gelangen Sie jeweils über den blauen Button auf dem Foto. Im Firefox funktionieren die Bildstrecken problemlos, alte Explorer-Versionen bekunden jedoch leider Mühe…

  1. Mitros says:

    Argument Nummer 1 ist massgebend. Wie viele Orte werden in der Stadt durch hässliche, sterile Bauten aufgewertet? Bestes Beispiel in der Schweiz ist Zürich rund um die Hardbrücke. Was sich dort die Architekten für einen jämmerlichen Wettlauf um das hässlichste Gebäude leisten ist meiner Meinung nach nur noch traurig. Zudem stehen diese Bürogebäude auf den meisten Etagen leer. Da kommen Graffitis zum Zug, und ich bin froh darum, denn sie zeigen dass in der Stadt gewisse Leute noch leben. Sie lassen den sinnlosen Bauboom nicht einfach passieren, denn man ist ja schliesslich Teil dieser Stadt.

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