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  • Bei der Ankunft, kann der Bus fast nicht vorbeifahren.

  • Der arme Taxi-Fahrer hat daselbe Problem.

  • Mit dem iPad fotografieren ist angeblich mittlerweile akzeptiert.

  • Ein kleiner Junge versucht es auf die alte Art: Erinnerungen.

  • Nach dem Spuk die grosse Enttäuschung. «Schnell weg hier!»

«Kevin, sei ruhig!»

Die schönste Stadt der Schweiz bietet besondere Sehenswürdigkeiten. Der Zytglogge gehört da auch dazu. Aber wieso eigentlich? Der Hauptstädter war vor Ort und liefert Antworten.

Laut Tripadvisor bietet die Stadt Bern 34 Sehenswürdigkeiten an. Der Zytglogge, der immerhin im Mittelalter erbaut wurde und somit zu den ältesten Bauten der Stadt gezählt werden darf, landet dabei auf Platz zehn. Der ehemalige Wehrturm ist seit nunmehr 800 Jahren Teil der Stadt, heute zieht er vor allem Touristen aus aller Welt an.

So geschehen an einem kühlen August-Tag. Mit dem Bus lässt sich der Turm leicht erreichen. Der Bernmobil-Chauffeur atmet tief durch. Zu recht, denn er hat die schwierige Aufgabe, kurz vor Glockenschlag beim Zytglogge vorbei zu fahren. Ein Durchkommen ist fast nicht möglich, haben sich doch gefühlte 200 Personen versammelt, die mit Kamera, iPad und Spiegelreflexkamera bewaffnet den Turm anstarren und auf das hochgelobte Glockenspiel warten. Natürlich realisieren sie nicht, dass sie den Bus daran hindern, weiterzufahren. Noch rechtzeitig erreicht der Bus die Haltestation. Es is nun Zeit für das grosse Spektakel.

Damit Sie nicht auf die falsche Fährte geführt werden: Das grosse Spektakel ist nicht das Glockenspiel, sondern die Menschen, die diesen ach so besonderen Moment digital festhalten müssen. Das Spiel dauert leider nur 30 Sekunden. Die Enttäuschung der Besucher ist gross. Aus den hinteren Rängen erklärt eine Soccer-Mum ihrem Mann, dass sich nun zu den Glockentönen die kleinen Figuren bewegen. Er sucht verzweifelt, mit raschen Suchbewegungen, den kleinen Glöckner und die weiteren Figuren. Nachdem er sie entdeckt hat, schaut er seine Frau an und fragt: «That’s it?» Die euphorisierte Dame versucht ihm zu erklären, dass es sich hierbei um ein historisches Gebäude handelt, das mit diesem Glockenspiel seinen Höhepunkt erreicht. Der Mann läuft enttäuscht weg.

Ein Blick in die Menge zeigt auf, dass Neunzig Prozent der Stehengebliebenen eine Kamera bedienen und das eigentliche Geschehen nicht mit den eigenen Augen verfolgen. Ein Tipp an Tripadvisor und Zytglogge: Preisen sie doch bitte nicht das Glockenspiel an – das interessiert niemanden –, sondern weisen Sie den Besuchern auf die enttäuschte Gesichter hin. Schadenfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Das ist mal eine Sehenswürdigkeit, für die es sich zu warten lohnt. In verschiedenen Sprachen wird nach dem Anti-Höhepunkt der Stadtbesichtigung – Zitat aus einer Trip Advisor Bewertung – geflucht und hinterfragt, warum man so lange auf diesen Blödsinn gewartet hat. Wir müssen doch sehr bitten!

Eine deutsche Familie steht im Kreis und schaut sich fragend an. Der jüngste Sohn fragt seine Mutter: «Mami, warum haben wir so lange hier gewartet?» Die sichtlich genervte Mutter antwortet: «Sei ruhig, Kevin!» Keine Angst Kevin, spätestens beim Bärengraben seit ihr wieder eine glückliche Familie. Und um deine Frage zu beantworten, das hast du verpasst:

Ragulan Vivekananthan

Ragulan Vivekananthan ist offiziell Oberaargauer, aber das Herz gehörte schon immer der Stadt. Er ist weiterhin auf der Suche nach dem besten Cordon Bleu der Stadt. Tipps sind herzlich willkommen.


Publiziert am 6. August 2014

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