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Der Integrations-Platz

Es ist ja des Öfteren allerhand los auf diesem unteren Waisenhausplatz. Am Samstag gab es Wasserstrassen – und ein hinduistisches Wagenfest.

Mal grillieren sie im Winter, mal demonstrieren sie für die Muslimbruderschaft, mal wollen sie unser Blut, mal nur unser Geld für ihre Second-Hand-Kleider oder sie feiern ein Fest für Käse. Eigentlich dürfen sie fast alles auf diesem Waisenhausplatz, nur kuscheln ist manchmal nicht erlaubt, gerade wenn in der Stadt eine unkuschelige Stimmung herrscht.

Während es auf dem Bundesplatz oft ernsthaft politisch oder gross-kommerziell wird, ist auf dem Waisenhausplatz oft der Ort für die, die es kleiner im Kopf haben. Dafür wird dort – zumindest manchmal – auf sympathischere Weise der Berner Agoraphobie entgegengewirkt, als mit riesigen Zelten und Installationen, die temporären Einfamilienhäusern gleichen, wie sie zuweilen auf dem grossen Bruder am anderen Ende dieser Altstadtachse anzutreffen sind.

Am Samstag geschah das zum Beispiel mit einer kleinen Bühne und einem ziemlich bunten Wagen. Dieser gibt dem Wagen-Fest der Hindi seinen Namen, «Ratha-Yatra», heisst es im Original. In Indien hätte dieses auch bei samstagnachmittäglichem Sturzregen keinen Platz auf einem Waisenhausplatz, da feiern Millionen und aus dem Wagen mit drei Figuren, werden drei Wagen mit riesigen Figuren.
In Bern verlieren sich immerhin eine Handvoll Menschen an den Anlass, noch weniger werden es, wenn sich die Wassermassen als Waisenhausbach Richtung Aare winden. Ob dieser Regen tatsächlich das Werk des jungen Mannes mit der Bierdose am Rand des Platzes ist, bleibt offen. Auch wenn er es lautstark behauptet – und auf Gottes Mithilfe schwört.

Krishna war es wohl kaum, der für den Regen gesorgt hat – nicht am Festtag zu seinen Ehren. Vor 5000 Jahren soll er im indischen Dorf Vrindavan gelebt haben, als Jugendlicher dann in ein eigenes Reich weiter weg gezogen sein. Als sich die Dorfbewohner und der reinkarnierte Gott wieder trafen, war die Freude gross, sie wollten ihn und seine Geschwister nicht mehr gehen lassen – und zogen sie auf ihrem Wagen zurück ins Heimatdorf. Für die Hare-Krishna-Bewegung ist Krishna «Lord Jagannatha», der Herr des Universums, darum ist des Gottes Freude auch ihre Freude. Und die wird weltweit gefeiert, auch in Bern, hier von den Menschen vom Krishna-Tempel in Langenthal. Das geschieht friedlich und sehr freundlich und passt damit wunderbar auf den Waisenhausplatz.

Im August geht es weiter auf dem Platz, sagt der Veranstaltungskalender der Stadt Bern: Dann ist das Swiss African Forum zu Gast.

Christian Zellweger

Christian Zellweger geht seit 2010 unter den Lauben Berns und schaut, wer auch schaut.


Publiziert am 28. Juli 2014

1 Kommentar

  1. B. Fröhlich says:

    Die Ausübenden des Hinduismus nennt man Hindus – nicht Hindi. Letzteres ist die erste der indischen Nationalsprachen.

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  1. B. Fröhlich says:

    Die Ausübenden des Hinduismus nennt man Hindus – nicht Hindi. Letzteres ist die erste der indischen Nationalsprachen.

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