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Im Reich der Rikschas

Alles was sich bewegt, hat meist irgendwo ein Depot. Wo also versteckt sich dasjenige der Berner Rikschas? In der Rubrik «Hinter verschlossenen Türen» macht sich der Hauptstädter auf die Suche.

Sie kurven täglich durch die Innenstadt, ihr verqueres Äusseres ist aus dem Stadtbild schon beinahe nicht mehr wegzudenken: Ursprünglich aus Indien stammend, haben sich die Rikschas in den letzten Jahren auch in Bern etabliert. Doch wo verbergen sich die auffälligen Dreiräder in der Nacht?

Die Suche nach dem Nachtlager der Berner Rikschas gestaltet sich schwieriger als gedacht. Versteckt in einer kleinen Seitenstrasse in der Sulgenau befindet sich ihre Garage: Die Rikscha-Zentrale wirkt von aussen wie eine getarnte Geheimdienstzentrale.

Von innen her besehen ändert sich dies. Öffnet man die unscheinbare Türe, öffnet sich ein geräumiger, heller Aufenthaltsbereich. Töggelikasten, Kaffee-Automat und selbstgebaute Ledersessel – kalte Garagenatmosphäre sucht man hier vergebens. «Es ist uns wichtig, die Fahrer zu motivieren», sagt Inhaber Pascal Nydegger, während er mich durch die Räume führt. «Sie sollen sich hier wie zu Hause fühlen.»

Wohlfühloase statt unpersönliche Betriebszentrale: So unkonventionell die Dreiräder aussehen, so unüblich auch ihr Depot. Das Konzept zahlt sich aus. In den sechs Jahren seines Bestehens hat sich Rikscha Taxi von einer belächelten Idee zur erfolgreichen Kleinfirma entwickelt.

Doch nur auf der faulen Haut liegen, das geht auch hier nicht. «Ich erwarte auch Eigeninitiative von den Fahrern und vollen Einsatz» sagt Nydegger. «Wir pflegen das Sprichwort, dass ein Rikschafahrer niemals aufgibt.» Eine hehre Absicht, bedenkt man die Anzahl ungemütlicher Steigungen in der Stadt Bern. Klösterlistutz, Aargauerstalden, Kornhausbrücke – die Topographie scheint sich grundsätzlich gegen Berns Rikschafahrer verschworen zu haben.

Die ungemütliche Seite des Rikschafahrens zeigt sich beim Eigenversuch hinauf zum Bahnhof. Das Gefährt ist schwerer als gedacht und der Gedanke an übergewichtige Touristen auf dem Rücksitz treibt den Angstschweiss aus den Poren.

Erschöpft von der Ausfahrt mit Nydegger gibts zum Abschluss Kaffee in der Zentrale. Und das erlösene Gefühl, für heute nur noch den Wohlfühl-Bereich zu geniessen. Zum Glück gibts auf dieser Welt Menschen, die fitter sind als ich.

David Streit

David Streit begibt sich auf Entdeckungsreisen in seiner Heimatstadt: Hinter den verschlossenen Türen der Bundesstadt erforscht er Winkel, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben.


Publiziert am 18. Juli 2014

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