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  • Macht sich an jeder Schlafzimmerwand gut: Der Starschnitt des Regierungsrats.

  • Nicht nur in der Fasnachtszeit ein Hit: Die Hans-Jürg-Käser-Maske zum Ausschneiden.

Starschnitte und Urzeitkrebse

Dem Zeitungsmarkt geht es schlecht. Wie lässt er sich in einem angespannten wirtschaftlichen Kontext wieder aufpäppeln? Der «Hauptstädter» hat in der Vergangenheit gegraben und Antworten gefunden.

Sie wissen es vielleicht bereits: Die Printzeitung ist am Serbeln. Beinahe schon alljährlich müssen die Redaktionen neue schmerzhafte Sparübungen über sich ergehen lassen, damit die Aktionäre zuverlässig ihren Gewinn abschöpfen können. Schuld daran sind Sie, geschätzte Leserinnen und Leser. Lieber buchen Sie ein Abenteuertrekking in den Anden, anstatt sich ein Zeitungsabonnement zu leisten. Lieber greifen Sie auf die zahlreich vorhandenen Onlineangebote zu, anstatt sich als Minimäzene für den Erhalt der gedruckten Zeitung zu betätigen. Die Folge: Inserenten springen ab und investieren ihre Werbegelder anderswo, der Umsatz bricht ein.

Was die Lösungsansätze angeht – nicht jeder Titel hat die moralische Flexibilität, sich von einem finanz- und meinungsstarken Geldgeber wie Christoph Blocher mittragen zu lassen. Und wie viel Geld es abwirft, wenn Online-Inhalte kostenpflichtig gemacht werden (wie dies tagesanzeiger.ch, bund.ch und den weiteren Tamedia-Titeln bevorsteht), ist noch offen. Jedenfalls wird es wohl eine Weile dauern, bis die Onlinetitel imstande sind, ihre gedruckten Geschwister «quersubventionieren» zu können, wie dies ein Berufskollege einst vorschlug.

Was ist also zu tun?

Die Antwort liegt auf der Hand: Her mit den Gimmicks. Es ist noch nicht so lange her, dass die Zeitungsverweigerer von heute ihr ganzes Taschengeld für das «YPS» oder das «Micky Maus» ausgegeben haben, später meinetwegen auch für das «Wendy», das «Bravo Sport» oder «Girl». Zwar haben sie sich damit beinahe ruiniert, doch ganz ehrlich: Für das beigelegte Furzkissen hätten sie gut und gerne auch das Doppelte bezahlt. Was gab es da alles für feine Sachen. Die Urzeitkrebse sind unvergessen, auch das unvermeidliche Juckpulver, die Regenbogenstifte oder die Entenhausen-Bastelbögen. Die Fernrohre, Insektenlupen, Plastikkompasse. Die Zaubertinte, die Scherzexkremente, die Mini-Lipglosse.

Die Gimmicks einer ausgewiesenen Qualitätszeitung wären selbstverständlich dem Niveau und der Altersgruppe ihrer Leser angepasst. Während der Knobelphase in der kantonalen Sparrunde: Ein Sparpoker-Set, Teile 1 bis 6. Jetzt vor den Wahlen: Starschnitte der Regierungsratskandidaten und Regierungsratsmasken zum Ausschneiden, anschliessend Furzkissen mit dem Konterfei der stimmschwächsten Aspiranten. Für den Tauschspass in der Cafeteria: Ein Stickeralbum zum Berner Stadtrat, die Fraktionspräsidenten jeweils als Glitzersticker. Eine Monopoly-Sonderausgabe mit dem Titel «Liegenschaftsverwaltung». Zum Parteitag der SVP: Urzeitkrebse. Das Feld ist weit. Und die Leserbindung klappt: «YPS» ist als Magazin für Erwachsene neu aufgegleist worden, und «Micky Maus» gedeiht prächtig.

Der Gimmick der nächsten Ausgabe: Ein Micro-Spion. Auch der nicht ganz unpraktisch, wenn es darum geht, einen Beitrag zum Aufdecken der Vetterligeschäfte im IT-Beschaffungswesen der Kantonspolizei zu leisten.

Welcher Gimmick würde Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu bringen, ein Abonnement zu lösen? Sachdienliche Hinweise bitte flugs in die Kommentarspalte eintragen.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 3. März 2014

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