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Sicher ist sicher

Der Stadtrat hat sich vernünftigerweise gegen Kameras in Bus und Tram entschieden. Schliesslich gibt es viel effizientere Überwachungsmethoden.

In Sachen Eifer ist den beiden Stadtparlamentarier Martin Mäder (BDP) und Claudio Fischer (CVP) nichts vorzuwerfen. Sie wollten erreichen, dass das Bus- und Tramfahren in der Stadt Bern «noch sicherer» wird. Es ist also anzunehmen, dass die beiden Herren den Berner ÖV als sicher betrachten, aber die gegebene Sicherheit sicherlich als zu wenig sicher empfinden. Also wollte man den Gemeinderat davon überzeugen, dass es sicher eine gute Idee wäre, in Bus und Tram Überwachungskameras zu installieren. Der Gemeinderat war sich dieser Sache jedoch nicht sonderlich sicher und auch die Mehrheit des Stadtrats fühlte sich von Mäders und Fischers Einfall sicher nicht sehr angetan. Letzten Donnerstag verwarf das Parlament das Kameraprojekt mit 43 zu 21 Stimmen.

War das ein Fehler? Etwa zeitgleich mit der Ablehnung der Motion, kam es im Bus der Linie 11 zu einer Auseinandersetzung, die für einen der beiden Beteiligten mit einem Spitalaufenthalt endete. Hätte der Vorfall durch Kameras verhindert werden können? Fraglich. Denn Kameras sind bessere Zeugen als Schlichter und je länger sie hängen, desto mehr verlieren sie an präventivem Wert. Will heissen, die Wirkung hält sich in Grenzen. Zudem stellt sich die Frage, ob sich der wahrscheinlich horrende finanzielle Aufwand lohnt, um damit Videomaterial anzuhäufen, auf dem grösstenteils nur zu sehen ist, wie Schulkinder ihre Daten per Whatsapp direkt an Facebook schicken.

Und war Videoüberwachung eigentlich nicht schon immer sehr unsympathisch? Die modernen Überwachungsmethoden sind eiskalt, sie menscheln einfach zu wenig. Deswegen wäre Mäders und Fischers Motion sicherlich erfolgreicher gewesen, wenn darin städtisch bezahlte Denunzianten gefordert worden wären. Als eine Art Whistleblower der Stadt würden sie das ÖV-Netz abfahren und rapportieren darauf der Sicherheitsdirektion verdächtiges Verhalten.

Dieses System ist nicht nur aus humanitärer Sicht empfehlenswert, sondern reduziert auch die Arbeitslosenquote. Schliesslich wird dabei Mensch statt Maschine beschäftigt. Die Kostenfrage ist natürlich noch offen, dürfte aber kein Hindernis sein. Denn die Denunzianten-Stellen müssten nur Teilzeit besetzt werden. Nur schon der Gedanke daran, dass man unter Denunzianten sein könnte, wird die Fahrgäste so verunsichern, dass die Sicherheit automatisch noch sicherer wird. Durch diesen Effekt ist diese Überwachungsmethode nicht nur kostengünstiger, sondern auch über lange Zeit gesehen effizienter als Überwachungskameras.

Weil es wohl noch ein paar Ratssitzungen braucht, bis das Projektbudget genehmigt wird, hat der «Hauptstädter» schon jetzt einen Teil zum noch sichereren ÖV-Genuss geleistet und Leute im Bus bespitzelt. Um die Brisanz des daraus entstehenden Rapports zu steigern, hat man sich für die oben bereits erwähnte Linie 11 entschieden, die wegen den gewalttätigen Vorfällen wohl bald von Hans-Jürg Käser als Gefahrenlinie Rot gebrandmarkt wird und nur noch unter Bewilligungspflicht verkehren darf. Hier ein paar Auszüge aus dem Protokoll:

«Station Henkerbrünnli: Bis jetzt noch keine Schlägerei feststellen können. Nicht einmal aggressive Wortgefechte. Sehr verdächtig. Ist meine Deckung bereits aufgeflogen?»

«Station Bierhübeli: Bus passiert ohne an der Haltestelle anzuhalten. Scheint alles ruhig – etwas zu ruhig.»

«Station Brückfeld: Hund mit starkem Hundegeruch steigt ein (alarmierender Geruch, hätte durch Überwachungskamera nicht festgestellt werden können).»

«Station Neufeld P+R: Hund mit starkem Hundegeruch verlässt das Fahrzeug. Situation entspannt sich.»

«Station Bierhübeli: Schon wieder ohne Halt vorbeigefahren. Was ist da bloss los?»

«Station Bollwerk: Alarmbereitschaft steigt, weil Nähe Reitschule. Aber falscher Alarm, keine Autonome steigen ein. Haben wohl keine Zeit für ÖV, weil zu beschäftigt mit Schnäuze auf FDP-Wahlplakate malen.»

«Station Bahnhof: Verdächtig viele Leute verlassen gleichzeitig das Fahrzeug. Wirkt sehr geplant. Bitte Protokoll-Kopie an Staatsschutz weiterleiten.»

«Station Hirschengraben: Kind mit Gipsfuss steigt ein. IV-Betrüger?»

«Station Güterbahnhof: Frau verlässt Bus mit Abschiedsgruss an anscheinend ihr nicht weiter bekannten Personen. Da stimmt doch was nicht!»

«Station Bremgartenfriedhof: Niedriges Personenaufkommen. Situation scheint sicher. Könnte aber noch sicherer sein.»

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 24. Februar 2014

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3 Kommentare

  1. Martin Mäder says:

    Sehr lustig und originell. Es zeugt natürlich immer von sehr viel Kreativität sich in einem Blog o.ä. über etwas lustig zu machen, ohne die “Gegenseite” einzubinden. Was ja man sonst als “neutraler” Schreiberling ja eigentlich tun müsste. Deshalb ist dieser Erguss an Einfallsreichtum sehr zu loben. Nur schade, dass es dann halt doch nicht beim einen zitierten Zwischenfall seit der Abstimmung im Stadtrat zur Videoüberwachung geblieben ist. Und wenn man sich über Videoüberwachung zwar lustig macht um dann sogleich überspitzt Bespitzelungen anzuregen, erübrigt sich hierzu weiterer Kommentar. LOL

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  1. Martin Mäder says:

    Sehr lustig und originell. Es zeugt natürlich immer von sehr viel Kreativität sich in einem Blog o.ä. über etwas lustig zu machen, ohne die “Gegenseite” einzubinden. Was ja man sonst als “neutraler” Schreiberling ja eigentlich tun müsste. Deshalb ist dieser Erguss an Einfallsreichtum sehr zu loben. Nur schade, dass es dann halt doch nicht beim einen zitierten Zwischenfall seit der Abstimmung im Stadtrat zur Videoüberwachung geblieben ist. Und wenn man sich über Videoüberwachung zwar lustig macht um dann sogleich überspitzt Bespitzelungen anzuregen, erübrigt sich hierzu weiterer Kommentar. LOL

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