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Wie wollen Sie das Ihren Kindern erklären?

Die Lichtshow auf dem Bundesplatz geht in eine neue Runde. Das diesjährige Spektakel ist pädagogisch bedenklich, terrorfördernd und Rollenbilder zerschmetternd.

Kinder glauben doch an alles. Wieso also nicht auch an Folgendes: Die Tochter des Königs der Schweiz, sie heisst natürlich Helvetia, soll mit Willhelm Tell, der zwar eine verdammte Legende ist, aber von Helvetia nicht geliebt wird, da ihr Herz einem kleinen Uhrmacher gehört, zwangsverheiratet werden. Das ist die Ausgangslage der Lichtshow «Rendezvous auf dem Bundesplatz» und gleichzeitig pures Gift für naive Kinderköpfe.

Wenn Sie Ihrem Kind erlauben werden, sich das Lichtspektakel anzusehen, dann müssen Sie auch damit klarkommen, dass ihr Kind nach der nächsten Geschichtsprüfung wahrscheinlich zum Schulpsychologen geschickt wird. Denn es wird nicht nur die direkte Demokratie leugnen, sondern auch sonderbare Vorstellung über das Eherecht haben.

Die Message der Geschichte wird Ihrem heranwachsenden Wunderling auch nicht gerade bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bereiten. Denn er wird sehr schlecht in Physik sein. Wenn man der Handlung Glauben schenkt (was Ihr Kind auf jeden Fall tun wird, weil die unglaublich bunte Untermalung der fiktiven Tatsachen den traditionellen Schulunterricht blass aussehen lässt), ist die Zeit zum Anhalten zu bringen, indem man den kleinen Uhrmacher einkerkert, in den Helvetia, Tochter des Königs der völlig undemokratischen Schweiz, verliebt ist. Ach ja, Helvetia wird zur Strafe, weil sie nicht heiraten wollte, in einen Turm gesperrt. Die Kinder Ihrer Kinder werden nicht zu beneiden sein.

Als hätte der bisherige Verlauf der Geschichte die Konfusion des kindlichen Wissens nicht schon zu sehr vorangetrieben, werden nun noch weitere Figuren eingeführt. Plötzlich steht Heidi, Patin von Helvetia, auf dem Teppich. Diese überraschende Wendung dürfte wohl auch den Wissensstand des Bildungsbürgertums ins Wanken bringen. Hat man da mal was falsch verstanden? Und wer ist jetzt eigentlich höchster Schweizer? Ueli Maurer oder Alpöhi? Ihr Kind wird Ihnen dann erklären, dass das weder noch, sondern der König der Schweiz sei.

Ein kurzer Faktencheck auf dem Smartphone liegt nicht drin. Denn schon kommt der nächste Hammer. Heidi ist die Cousine von, es ist nicht zu glauben, Arnold von Winkelried! Spätestens jetzt stehen die Chancen ihres Kindes auf eine Anstellung in einem historischen Museum auf null. Nun spielt es auch keine Rolle mehr, dass das Klima anscheinend nicht durch Treibhauseffekte oder Kontinentaldrifts beeinflusst wird, sondern anscheinend durch gescheiterte Ehen, auf die wohl immer eine Kälteperiode folgt. Denn plötzlich ist alles mit Eis überzogen. Ihr Kind wird nun davon ausgehen, dass eine gescheiterte Ehe, etwa die von William und Kate, wenigstens die Rettung der Eisbären zur Folge hat.

Das Ende naht. Während Sie überlegen, wie Sie Ihren Zögling wieder zurück auf den Boden der Tatsachen holen können, geschieht auf der Fassade des Bundeshauses Bedenkliches. Aus dem Nichts erscheint ein gigantischer Bär mit Dynamit in der Hand. Woran Chaoten im Mai scheiterten, bringt nun der pelzige Saboteur zu Ende: Er knöpft sich das Bundeshaus vor. Dazu manifestiert Mani Matters Stimme in einer manischen Wiederholungsschleife, dass es nur etwas Dynamit braucht, um das Bundeshaus in die Luft zu sprengen. Was der Brutalo-Bär aber nicht beachtete: Im Publikum waren einige Fotografen anwesend. Sollte der tierische Terrorist nicht schon gefasst sein, wird wohl genug Material für die Onlinefahndung zur Verfügung stehen, um ihn zur Strecke zu bringen.

Irgendwie gelangt dann die Geschichte dann doch noch zu einen Happy End. Also nicht für den König, auch nicht für Willhelm Tell und schon gar nicht für den Uhrmacher. Denn Helvetia entscheidet sich, auf das Heiraten zu pfeifen und stattdessen ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu geniessen. Was wird wohl nur die SVP davon halten, dass selbst die vermeintliche Überschweizerin sich vom traditionellen Familienleben abwendet, um sich einem zügellosen Single-Dasein hinzugeben?

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 18. Oktober 2013

3 Kommentare

  1. Sepp says:

    Oberspiessig diese Lichtshow.
    Aber ich gehöre wohl nicht zur Zielgruppe.

    Die Autoren dieses Peinlichen Märchens haben ihren Beruf wohl in der Migros Klubschule gelernt.

    Schade um das coole Format.

  2. Clemens Battaglia says:

    Einfach nur mal hinstehen und sich gaaaanz entspannt die Sache ansehen und geniessen? Das geht natürlich gar nicht, schliesslich muss oberlehrerhaft kommentiert werden! Meine Güte, wie verkopft muss man für einen solchen, weder verbal noch inhaltlich witzigen, Kommentar sein?

  3. Denis Graf says:

    Unser 5jähriger liebt Böse und hat vor kurzem in einer von ihm erzählten Phantasiegeschichte 56 Mio Menschen umgebracht. Ich denke, er und alle anderen Kinder werden die zugegebenermassen schräge Geschichte des Lichtspiels verkraften.

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  1. Sepp says:

    Oberspiessig diese Lichtshow.
    Aber ich gehöre wohl nicht zur Zielgruppe.

    Die Autoren dieses Peinlichen Märchens haben ihren Beruf wohl in der Migros Klubschule gelernt.

    Schade um das coole Format.

  2. Clemens Battaglia says:

    Einfach nur mal hinstehen und sich gaaaanz entspannt die Sache ansehen und geniessen? Das geht natürlich gar nicht, schliesslich muss oberlehrerhaft kommentiert werden! Meine Güte, wie verkopft muss man für einen solchen, weder verbal noch inhaltlich witzigen, Kommentar sein?

  3. Denis Graf says:

    Unser 5jähriger liebt Böse und hat vor kurzem in einer von ihm erzählten Phantasiegeschichte 56 Mio Menschen umgebracht. Ich denke, er und alle anderen Kinder werden die zugegebenermassen schräge Geschichte des Lichtspiels verkraften.

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