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  • Auf dem Bild nicht zu erkennen: Deutscher Verbrecher-Akzent.

  • Telefoniert wohl direkt aus den 60er: Frau Moser.

  • Nützlich: Anleitung für ein neues Velo.

  • Wohl zuhause vor dem Spiegel geübt: Gestik.

Die Kantonspolizei setzt sich in Szene

Für die Kantonspolizei Bern ist das Internet kein Neuland. Im Gegenteil: In Zukunft will sie sich neben Twitter und Facebook vermehrt mit Videos an die Bevölkerung wenden. Wir haben uns die ersten Werke schon einmal angeschaut.

Sie haben auf der Autobahn eine tote Katze gesichtet? Jemand verwendet auf einer Datingplattform ein Bild von Ihnen? Oder Sie wollten schon immer einmal wissen, ob Polizisten manchmal Manschettenknöpfe tragen? Dann sollten Sie der Kantonspolizei Bern auf Twitter folgen. Denn zu Fragen und Anregungen wie diesen nehmen die webgewandten Beamten Stellung. Doch nicht nur das: Seit über zwei Jahren hält die Polizei die Bevölkerung über dramatische Ereignisse (7. Okt. 2012: Traktor in Bauernhaus gefahren) und den Kampf gegen das Verbrechen (22. Okt. 2012: Gestohlene Kirchenglocken sichergestellt) auf dem Laufenden.

Nun will die Kantonspolizei die multimediale Messlatte noch höher setzen und plant sogar einen eigenen Youtube-Kanal, wie in der «Bernerzeitung» zu lesen ist. Vier Polizei-Produktionen haben bereits jetzt den Weg ins Netz gefunden. Wir haben sie uns angeschaut und bewertet.

Der Enkeltrick

Handlung: Spannender Krimi auf Tatort-Niveau. Frau Moser wird von Trickbetrüger und vermeintlichem Enkel «Martin» bedrängt. Sie soll ihm eine grosse Geldmenge zukommen lassen, da er in Italien im Spital liege und Flüssiges für eine Operation brauche. Clever eingeschobene Zwischensequenzen locken dabei den Zuschauer auf eine völlig falsche Fährte und lassen das Ende dadurch umso überraschender erscheinen. (Bewertung: 9/10)

Figuren: Die Rolle der Frau Moser wurde tadellos besetzt und überzeugend gespielt. Die Figur des Trickbetrügers ist jedoch umstrittener. Das Publikum wird sich fragen, ob das wahre Verbrechen nicht etwa «Martins» Kinnbart ist. (4/10)

Wirkung: Trotz der überzeugenden Story wird der Streifen wohl nicht in die Filmgeschichte eingehen. Für ihn gibt es einfach kein Zielpublikum: Jüngere Semester werden sich von der Thematik nicht angesprochen fühlen und die Frau Mosers dieser Welt, die immer noch mit Telefon mit Drehscheibe operieren, werden von der Existenz dieses Machwerks wohl nie erfahren (1/10).

Fazit: Dank der kurzen Spieldauer ist der Film der perfekte Einstieg in einen gemütlichen Filmabend. Wegen seines hohen Spannungsgehalts kann er aber durchaus auch das krönende Ende bilden. Zusätzlich zum Film beinhaltet die Youtube-Version noch reichlich Bonusmaterial. Nach dem Ende gibt es einen ausführlichen Experten-Kommentar zum Thema. Dieser überzeugt zwar durch tagesschautaugliche Kamerawechsel, kommt schlussendlich aber leider etwas bieder daher. Wieso die naheliegende Idee, etwas Slapstick in der Tradition von «Police Academy» einzubauen, nicht umgesetzt wurde, bleibt rätselhaft. (7/10)

KO-Tropfen

Handlung: Die Zuschauer werden mit einem Werk von hoher Obskurität konfrontiert. Die Drehbuchautoren haben hier eine psychedelische Mischung aus «Hangover» und «Saw» abgeliefert. Nach einem gemächlichen Anfang, der auf eine durchschnittliche Partykomödie schliessen lässt, zieht das Erzähltempo gewaltig an. Aus Spass wird Ernst, das Grauen springt einem urplötzlich ins Gesicht. (8/10)

Figuren: Der Regisseur verabschiedet sich von der klassischen, figurengebundenen Erzählweise. Was bleibt, sind etwas wahllos zusammengestellte Handlungsstränge mit nicht wiederkehrenden Personen. Im Gegenzug wird auf ausschweifende Dialoge verzichtet, so dass man sich komplett auf die Bilder konzentrieren kann. (6/10)

Wirkung: Abgesehen davon, dass die Farben, die so schnell wechseln, wie sie grell sind, vermutlich zur Epilepsie führen können, ist der Film völlig auf der Höhe der Zeit. (7/10)

Fazit: Der Film ist so kurz wie kontrovers und daher ein heisser Anwärter, um sich am Shnit in die Herzen des Publikums zu spielen. (7/10)

Velodiebstahl

Handlung: Nun wechselt die Kantonspolizei in die Welt des Wissens und erklärt in einem Dokumentarfilm, wie man ein Velo richtig abschliesst. An dieser Stelle sei gesagt, dass sich der Film nur für Fans der Thematik lohnt. Er sehr ausführlich und daher etwas langatmig. (5/10)

Figuren: Hier liegt das grosse Defizit des Films. Es gibt keine Figuren. Die Doku wäre um einiges lebendiger geworden, wenn man das österreichische Kultvelo «Tom Turbo» als Anschauungsbeispiel verpflichtet hätte. (2/10)

Wirkung: Der Film schiesst etwas über das Ziel hinaus. Zwar erklärt er einleuchtend, wie man sein Velo vor Dieben schützt. Gleichzeitig erklärt er Dieben aber auch, mit was für Werkzeug (Hammer und Meissel) sich Veloschlösser am besten knacken lassen. (3/10)

Fazit: Trocken und kriminelle Energie fördernd – das hätte man besser machen können. (3/10)

Trickdiebstahl

Handlung: Eine erschütternde Dokumentation! Aus ihr lernen wir, dass wir von Dieben umgeben sind. Selbst beim romantischen Candlelight-Dinner kann man unbemerkt ausgeraubt werden. Anscheinend können die Räuber nur durch Präventionsmittel wie dem «zusammenklappbaren Handtaschenhalter» vom Klauen abgehalten werden. (7/10)

Figuren: Komischerweise werden die Täter in diesem Film meist als ältere Männer dargestellt. Dabei wissen wir doch schon aus dem Enkeltrick-Film, dass der Kriminelle an sich Kinnbart trägt und Hochdeutsch spricht. (2/10)

Wirkung: Der Film wirft eine grundsätzliche Frage auf. Was ist wichtiger? Freiheit oder Sicherheit? Mehrmals wird dazu aufgefordert, sich von Drittpersonen fernzuhalten. Daher muss man sich fragen, ob man sich lieber seines Portemonnaies oder seiner Bewegungsfreiheit berauben lassen möchte. (5/10)

Fazit: Schonungslose Gesellschaftskritik, die einem am Guten im Menschen zweifeln lässt. Die Aufbereitung ist aber leider etwas fad. (6/10).

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 27. September 2013

6 Kommentare

    • Elissa says:

      Ja – das man im Nachhinein Optimierungsmöglichkeiten sieht, ist wirklich unfassbar! Nächstes Mal sollen doch bitte jene hellsichtigen Kritiker zu Wort kommen, die uns einen Blick in die Steven-Spielberg-mässige Zukunft der Kapo Bern gewähren…

  1. Elissa says:

    “Mach dich nicht zum Opfer”? Wenn mir auf der Geschäftsfeier der nette Firmenkollege irgendeinen Scheiss ins Getränk kippt, um mich danach zu vergewaltigen, bin ich selber Schuld, weil ich mich ja zum Opfer gemacht habe? Wer auch immer bei der Kapo Bern dafür verantwortlich ist, diese abgedroschenen Slogans zu kreieren: Diese Wortwahl ist beim besten Willen nicht sonderlich geschickt und sie zeugt leider auch von der Haltung fehlender Empathie gegenüber den Opfern von solchen Übergriffen, die bei der Polizei immer noch häufig zum Ausdruck kommt.

    • Philipp M. Rittermann says:

      also wenn sowas ein mitarbeiter unerkannt tut….ja dann arbeiten sie aber wirklich am falschen ort….und. viele menschen machen sich unbewusst durch gesten und ausdruck “attraktiv” für einschlägige verbrecher – es kann ja wohl nicht schaden, sich dessen zumindest bewusst zu sein.

  2. Philipp M. Rittermann says:

    ich finde die kampagne gut. o.k. aufgeklärte menschen sehen nicht unbedingt eine notwendigkeit. wenn ich aber schaue, wie viel naive menschen opfer von verbrechen werden, kann ich diese filmchen eigentlich nur begrüssen; elementar aber wirkungsvoll.

  3. Stev Berg says:

    Grosses Kino dieser Artikel. Besonders das Fazit des Krimis “Der Enkeltrink” und die Kritik an den Figuren des “Velodiebstahl”-Doks, top! Und ist den Eintritt ins Hauptstäder-Bloguniversum bereits wert. (7/10)

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    • Elissa says:

      Ja – das man im Nachhinein Optimierungsmöglichkeiten sieht, ist wirklich unfassbar! Nächstes Mal sollen doch bitte jene hellsichtigen Kritiker zu Wort kommen, die uns einen Blick in die Steven-Spielberg-mässige Zukunft der Kapo Bern gewähren…

  1. Elissa says:

    “Mach dich nicht zum Opfer”? Wenn mir auf der Geschäftsfeier der nette Firmenkollege irgendeinen Scheiss ins Getränk kippt, um mich danach zu vergewaltigen, bin ich selber Schuld, weil ich mich ja zum Opfer gemacht habe? Wer auch immer bei der Kapo Bern dafür verantwortlich ist, diese abgedroschenen Slogans zu kreieren: Diese Wortwahl ist beim besten Willen nicht sonderlich geschickt und sie zeugt leider auch von der Haltung fehlender Empathie gegenüber den Opfern von solchen Übergriffen, die bei der Polizei immer noch häufig zum Ausdruck kommt.

    • Philipp M. Rittermann says:

      also wenn sowas ein mitarbeiter unerkannt tut….ja dann arbeiten sie aber wirklich am falschen ort….und. viele menschen machen sich unbewusst durch gesten und ausdruck “attraktiv” für einschlägige verbrecher – es kann ja wohl nicht schaden, sich dessen zumindest bewusst zu sein.

  2. Philipp M. Rittermann says:

    ich finde die kampagne gut. o.k. aufgeklärte menschen sehen nicht unbedingt eine notwendigkeit. wenn ich aber schaue, wie viel naive menschen opfer von verbrechen werden, kann ich diese filmchen eigentlich nur begrüssen; elementar aber wirkungsvoll.

  3. Stev Berg says:

    Grosses Kino dieser Artikel. Besonders das Fazit des Krimis “Der Enkeltrink” und die Kritik an den Figuren des “Velodiebstahl”-Doks, top! Und ist den Eintritt ins Hauptstäder-Bloguniversum bereits wert. (7/10)

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