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  • Don Draper des Westsides: Marc.

  • Davor werden die Augen nicht verschlossen: Jugendgewalt.

  • Place to be für coole Kids: Westside.

  • Wo war er in Locarno und Cannes? Kevin.

  • Sollte vor Serienbeginn konsultiert werden: Flachmann.

Drama-Alarm im Shoppingtempel

Das Einkaufscenter Westside rettet den Schweizer Film: Nach der Blockbuster-Serie «Mr. West» legt Berns Antwort auf Hollywood mit einer subtilen Teenager-Tragödie nach.

Wieso verschwenden Sie Ihre Zeit mit Don Draper und Walter White, wenn es doch viel spannender ist, ob Blumenfee Selina mit dem aufdringlichen Kevin ausgehen oder ihm einen Korb geben wird? Mit diesem fiesen Cliffhanger werden die Zuschauer der angehenden Kultserie «Westside-Story» in der Schwebe gelassen. Das Konzept der Serie aus dem Einkaufstempel Westside wurde laut der «Berner Zeitung» auf einem einzigen A4-Blatt niedergeschrieben. Kaum zu fassen! Denn wie die Idee zu einer Story von solcher Komplexität und mit solch unerwarteten Wendungen auf nur einem Blatt erklärt werden kann, ist höchst schleierhaft.

Zur Erläuterung eine einleitende Zusammenfassung: Nach einer ausgiebigen Schminkszene kommt es zum Wiedersehen zwischen den Freundinnen Selina und Vanessa. Wie lange sich die beiden nicht gesehen haben, ist unklar, doch das Gespräch ist von höchster Brisanz. Nach wirklich sehr dezentem Product Placement jammert Selina, dass sie schon wieder von einem Typen bei ihrer Arbeit im Blumenladen angemacht wurde. Vanessa hat für Selinas Problem wenig Verständnis. «Ist doch egal, was er zu dir sagt», meint Vanessa. Sie solle doch froh sein, dass er etwas von ihr wolle. Solche Dialoge machen klar, dass die «Westside-Story» nicht nur um erstklassige Unterhaltung bemüht ist, sondern sich auch zur Aufgabe gemacht hat, am Charakter der modernen Frau zu feilen.

Dann plötzlicher Szenen- und Generationenwechsel: Oskar und Harry, zwei ältere Herren sitzen bei einem Glas, trotz wirklich sehr dezentem Product Placement gerade noch zu erkennen, Apfelsaft zusammen. Harry hat einen neuen Nachbar, der ihm super suspekt vorkommt, weil er Schaufensterpuppen in seiner Wohnung hat. Nun will er abklären, ob dieser tatsächlich Dreck am Stecken hat und kontaktiert seine alten Freunde beim, jetzt halten Sie sich fest, Geheimdienst. Dürfen wir mit einem baldigen Gastauftritt von Jack Bauer rechnen?

Zurück bei den Jungen kommt der grosse Auftritt von Marc. Dieser wird mit Musik unterlegt, die eher auf das Erscheinen eines 80er-Jahre-Badass wie John Bender aus «The Breakfast Club» schliessen lässt. Doch Westside-Marc entpuppt sich als etwas dümmlich grinsender Ex-Fussballer, dessen Bruder Pedro wiederum Vanessas Objekt der Begierde ist, obwohl diese doch eigentlich mit Robin zusammen ist. Wenn Sie jetzt verwirrt sein sollten: Es hilft, wenn man sich die verworrene Situation aufzeichnet. Nach Marcs Abgang, er wird von seiner Freundin ins Kino geschleppt, stellt sich die Frage: Ist er eine Fehlbesetzung? Hat er seine Erklärung, wieso er nicht mehr Fussball spielt, glaubhaft herübergebracht («Hm, nää für das hani ke Zit meh gha.»)? Natürlich hat er das! Sein Problem ist einfach, dass er im Schatten der schauspielerischen Brillanz von Vanessa und Selina steht.

Das Ende der Folge nähert sich, der Spannungsbogen schiesst in die Höhe. Selina verlässt Vanessa, die kurz darauf eine SMS von ihrem bereits erwähnten Freund Robin bekommen hat. Es sieht schlecht aus: Robin liegt krank im Bett und kann das abgemachte Date um 20 Uhr im Westside, wo sonst, nicht wahrnehmen. Vanessa ist enttäuscht, wünscht ihm aber trotzdem gute Besserung. Dann kommt ein nicht vorherzusehender Twist: Robin liegt zwar im Bett, doch tut er dies mit einer anderen! Mit dieser erschreckenden Erkenntnis wird der Zuschauer zurückgelassen.

Die siebenminütige Episode ist in etwa so verwirrend wie eine ganze Staffel von David Lynchs «Twin Peaks» und wirft mehr Fragen auf, als es «Lost» je konnte. Das ist aber erst der Anfang. 24 Folgen soll die erste Staffel enthalten, die jeweils am Donnerstag veröffentlicht werden. Wir haben schon einmal die Highlights aus den Episoden 2 und 3 gesammelt (all das grossartig dezente Product Placement wurde dabei nicht beachtet):

Harry gibt mit seiner Geheimdienst-Connection an
Vanessa verprügelt Lea
Vanessa rastet aus (oscarreif!)
Adrian erklärt einer alten Frau, wieso er kein «Glüsteler» ist
Kevin zeigt, wie man seine Flamme um ein Date bittet

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 20. September 2013

4 Kommentare

  1. Rolf says:

    Klingt ja mega-giga-geil! Ich werde sofort aufhören Walter White zuzuschaun (also auf die allerletzten zwei folgen verzichetn) um auf die viel spannendere weside-geschichte umsatteln.

    Danke für den Tip!!

  2. Robert Gardener says:

    Wow was für ein Artikel!
    Entweder frecher Verriss, der die Serie im Sarkasmus ersäuft, oder aber ein nicht gerade subtiler Werbetext, der dem Bund von einem zu übereifrigen Marketing-Genie untergejubelt wurde.
    Auf jeden Fall ein weiterer Sargnagel für den schweizer Journalismus… und nein, nur weil es Internet ist, kann man nicht sämtliche Ansprüche an Objektivität und Qualität hinter Omas Tomaten vergraben. Echt jetzt! So etwas in seinem Text derart ungekonnt über die cineastischen Meisterleistungen unserers Kulturerbes zu stellen gehört trotz aller Liebe zu rethorischen Freiheiten bestraft

  3. Gabriela says:

    Nach den neusten Ereignissen in Nairobi würde ich mir einen anderen Titel für den Artikel überlegen…

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  1. Rolf says:

    Klingt ja mega-giga-geil! Ich werde sofort aufhören Walter White zuzuschaun (also auf die allerletzten zwei folgen verzichetn) um auf die viel spannendere weside-geschichte umsatteln.

    Danke für den Tip!!

  2. Robert Gardener says:

    Wow was für ein Artikel!
    Entweder frecher Verriss, der die Serie im Sarkasmus ersäuft, oder aber ein nicht gerade subtiler Werbetext, der dem Bund von einem zu übereifrigen Marketing-Genie untergejubelt wurde.
    Auf jeden Fall ein weiterer Sargnagel für den schweizer Journalismus… und nein, nur weil es Internet ist, kann man nicht sämtliche Ansprüche an Objektivität und Qualität hinter Omas Tomaten vergraben. Echt jetzt! So etwas in seinem Text derart ungekonnt über die cineastischen Meisterleistungen unserers Kulturerbes zu stellen gehört trotz aller Liebe zu rethorischen Freiheiten bestraft

  3. Gabriela says:

    Nach den neusten Ereignissen in Nairobi würde ich mir einen anderen Titel für den Artikel überlegen…

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