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Grossstädtische Anwandlungen

Wo beginnt der Hauptstädter? Am besten am Bahnhof, dem einzigen Bauwerk der Stadt, das nie fertig gebaut ist.

Wo beginnt der Hauptstädter? Am besten am Bahnhof, dem einzigen Bauwerk der Stadt, das nie fertig gebaut ist, konstant verändert wird – und zuweilen von grossstädtischen Anwandlungen befallen wird. Anwandlungen, die am Bahnhof meist im kleinen sichtbar sind: Eine Grossverteiler-Filiale wechselt den Standort, das Dach der Neuengassunterführung wird zurückgebaut, es gibt mehr Ticketautomaten als früher, und nur noch sehr wenige Sitzgelegenheiten.

Zuweilen wagt der Berner Bahnhof auch einen grossen Sprung: Bei seiner Erstausgabe 1860 war er Kopf-, später Durchgangsbahnhof, einst war der Alkistein für alle da, heute ist das historische Gemäuer hinter Glas gesteckt, früher bewunderte man den Pirelliboden in den Unterführungen, seit fünf Jahren schon wandelt man über einen Boden ohne Eigenschaften. Und bald soll ja auch die Tiefe des Berner Untergrunds ausgelotet werden.

An keinem Ort wirkt Bern schneller als am Bahnhof: VerkäuferInnen scannen an hochfrequentierten Feiertagen und in Randstunden Lebensmittel und andere Verbrauchsgegenstände in ungesehener Geschwindigkeit (zumindest im Vergleich zu anderen Quartierfilialen), der Pendelnde hetzt durch die immerzu beengenden Unterführungen auf die Perrons – vorbei an winkenden Strassenmagazin-Anpreisern und an legendären Werbeflächen. Und der Wartende, der möchte so rasch wie möglich den Treffpunkt verlassen, der vorab an den Wochenenden Einfallstor für Botellon- und Stag-Night- und SCB-Seilschaften aus der Agglomeration ist. Denn so wuselig das Treiben hier wirkt, richtig wohl ist mir hier an diesem grotesken Bahnhof nicht.

Zwischendurch wird aber natürlich Luft geholt, am liebsten unter der Treppe bei Kaffee und der hier noch erlaubten Zigarette, und der Blick haftet sich in diesen ruhenden Minuten auf die umblätternde Abfahrtsanzeigetafel, die einige Traumkombinationen bereit hält:

07:04: ICE 278 Berlin
07:29: TGV 9284 Paris
07:34: EC 52 Milano (alias der schnellste Weg ans Meer).
20:38: EN 274 Barcelona Franca (der beste abgetakelte Hotelzug dank dem vergnüglichen Barwagen)
21:15: S1 15182 Düdingen (der bummelnde Konzertexpress)
xy:02 und xy:32: Die ICs nach Zürich (fast rund um die Uhr)

Und wenn man dann einen Zug bestiegen hat, um diese Stadt zu verlassen, dann darf bei der Rückkehr nach Bern eines fast sicher sein: Der Bahnhof wird schon wieder ein anderer sein. Und sei es nur, weil die Filiale eines Grossverteilers um zehn Meter verschoben wurde.

Benedikt Sartorius

Benedikt Sartorius lebt seit dem Transfer aus dem Oberland in Bern und hat seit einiger Zeit Frieden mit der Stadt geschlossen. Eine gewisse Neigung zum Sandstein- und Laubenallergiker ist aber immer noch spürbar.


Publiziert am 10. September 2012

3 Kommentare

  1. Benedikt Sartorius says:

    Wie der Bahnhof zum heutigen grotesken Bau geworden ist, ist hier nachzulesen – mitsamt Bildern aus der Vergangenheit.

  2. Ben Heyer says:

    Nun, das einzige Gebäude, das wirklich nie fertig wird, ist das Münster. Dagegen ist der Bahnhof ein Klacks.

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  1. Benedikt Sartorius says:

    Wie der Bahnhof zum heutigen grotesken Bau geworden ist, ist hier nachzulesen – mitsamt Bildern aus der Vergangenheit.

  2. Ben Heyer says:

    Nun, das einzige Gebäude, das wirklich nie fertig wird, ist das Münster. Dagegen ist der Bahnhof ein Klacks.

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