schliessen

Bier mit roter Brause

Apérol Spritz? Nein. Heute trinken wir «Bier mit dieser roten Brause drin», die es in Bern an einem nostalgisierenden und sonnigen Ort zu trinken gibt.

Es gibt mühsame Bestellungen. Bestellungen in Restaurants oder in Bars, in denen man gerne dieses eine ganz bestimmte Getränk trinken möchte, am besten jenes, das hier «alle» trinken. Nur leider ist der Name dieses einen Drinks unbekannt. Eine solche mühsame Bestellung tätigt etwa der in Zürich herumirrende Ich-Erzähler im Roman «Faserland» des Literaturpreisträgers des Kantons Bern 2012, Christian Kracht. Man zitiert: «Der Kellner kommt an den Tisch und fragt mich, was ich haben möchte, und ich sage, ich möchte so ein Bier mit dieser roten Brause drin, die ich vorhin in dem anderen Strassencafé gesehen habe. Er versteht nicht, was ich will, und ich mache noch einen Rauchring, und dann versteht er plötzlich doch, was ich meine. Bier mit Grenadine heisst das Zeug. Eine Panache, mit der Betonung auf dem ersten A.»

So umständlich ist die Bestellung für ein «Bier mit Grenadine» in Bern natürlich nicht (und Panache ist ja eh etwas anderes) – vorausgesetzt man besucht ein ganz bestimmtes Lokal. Eines, das nicht unbedingt auf der Liste der Trendscouts steht, zumal es auf halber Distanz zwischen dem Adrianos und dem Diagonal zu finden ist. Eines auch, das sich das Dasein unnötig schwer macht mit einem Werbecode, der nach einmaligem Ansehen nur schwerlich zu knacken ist: «Z = Q + K x 365» lautet dieser Code, mit dem das Café Black in der Amthausgasse zum Spargel-Canapé-, Toast-Hawaii- oder Birchermüesli-Schmaus lädt. Oder, für zwischendurch, natürlich auch zum «Bier mit dieser roten Brause drin».

Dieses Getränk ist auf der Menükarte im nostalgisierenden Blacks dankenswerterweise unter Bier, Untergattung «Grenadine» aufgeführt. Und so steht denn auch schon bald eine rote Brause im Bierglas auf meinem mit gelbem Tuch ausstaffierten Bistro-Tisch im Aussenbereich. Dieser wird immer dann aufgesucht, wenn die Sonneneinstrahlung flacher wird, der Winter in die Stadt einzieht oder sich der Frühling allmählich bemerkbar macht, denn in der sommerfreien Saison hat das Blacks den spätesten Sonnenplatz aller Bars und Restaurants in der Innenstadt zu bieten.

Das Getränk, das bei diesen Gelegenheiten geordert wird, schmeckt übrigens, wie ein solches vermischtes Getränk halt eben schmeckt: Der Sirup überwiegt, das Bier ist als Spurenelement erkennbar, und zurück bleibt ein klebriger Gaumen. Die Formel «Z = Q + K x 365» auf dem Zückerli steckt man aber natürlich dennoch ein – mitsamt der Lösung: «zufriedenheit = qualität + konstanz übers ganze Jahr». Ich jedenfalls werde wieder dort sein, wenn nicht im Schatten, so doch zumindest im Sonnenschein.

Link: Café Black, Amthausgasse 4.
Das Buch zum Getränk: Christian Kracht, Faserland, 1995

Benedikt Sartorius

Benedikt Sartorius lebt seit dem Transfer aus dem Oberland in Bern und hat seit einiger Zeit Frieden mit der Stadt geschlossen. Eine gewisse Neigung zum Sandstein- und Laubenallergiker ist aber immer noch spürbar.


Publiziert am 26. September 2012

Schlagworte