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Gesottene Wurstware im Hochsommer

Niemandem käme es in den Sinn, mitten im Sommer ein vaudoiser Saucisson zu essen. Ab Faust. Was hat die YB-Wurst, was andere nicht haben?

Die Luft ist dick wie Sirup. Der Tag wartet mit 32 Grad Celsius auf. Um in diesem Klima zumindest einen gelinden Vorwärtsdrall zu entwickeln, muss der Fussballer mit den Armen rudern und sich so beherzt über den Platz crawlen. Vor lauter Gegentoren und teamärztlich verordneter Trinkpausen kommt das Spiel nicht recht in Gang. Das Stadion ist ein Backofen. Es herrschen erschwerte Bedingungen in dieser ersten Halbzeit des sonntäglichen Derbys im Stade de Suisse.

Doch die wahre Herausforderung wartet auf der Tribüne. Die Spezialität des Hauses will probiert sein. Während andere gesottene Wurstwaren den Anstand haben, sich in den Sommermonaten aus den Sortimenten zu verabschieden, um dann im Herbst und im Spätwinter wieder Cholesterinspiegel in die Höhe zu treiben, ist die YB-Wurst ein saisonumspannendes Unikum. Ohnehin: Niemandem käme es in den Sinn, eine Blutwurst oder ein vaudoiser Saucisson ab Faust zu essen. Die YB-Wurst ist mehrfach einzigartig. Und eine Herausforderung für jede YB-Wurst-Novizin.

Schliesslich kennt man die wichtigsten Eigenschaften der YB-Wurst vom Hörensagen. Zum Beispiel ihre sagenhafte Fettigkeit. Es sollen schon Tattoos von Schulterblättern geätzt und Menschen nachhaltig entstellt worden sein, bloss weil der Hintermann am YB-Match zu energisch in die Wurst biss und sich dabei eine Salve siedenden Wurstsafts löste. Auch gilt die YB-Wurst landläufig als eine der herzhaftesten Wurstspezialitäten überhaupt: Von der dezent gepunkteten Speckigkeit einer Rohwurst hält die YB-Wurst nichts. Sie nimmt vorlieb mit Speckstücken so gross wie die Daumenkuppen der YB-Junioren.

Vor dem Hintergrund dieser Überlieferungen fällt die Konfrontation mit dem Angstgegner dann fast enttäuschend spektakelfrei aus: Das Spritzproblem lässt sich einfach lösen, indem die Lippen als Dämme benutzt und die Zähne nur langsam ins Fleisch geschlagen werden. Die Speckigkeit ist tatsächlich eindrücklich, im Nu sind Zunge und Zähne mit einem Ölfilm überzogen. Doch mithilfe von Senf und Brot lässt sich dieser tranigen Sensation recht gut begegnen. Das Fazit? Würzig ist sie, diese fettige Wurst, wer wollte da mäkeln. Doch richtig attraktiv macht sie erst ihr Preis-Leistungs-Verhältnis: Für eine Mahlzeit mit diesem Energiegehalt à 6.50 muss man sonst nach Konstanz oder Lörrach fahren.

Und gerade, als die Wurst vertilgt und die Welt um ein Mysterium ärmer geworden ist, wendet sich auch das Blatt auf dem Spielfeld. Ein Platzregen geht nieder und kühlt die Gemüter endlich auf Spieltemperatur ab. Es fallen Tore auf der richtigen Seite. Allgemeiner Umschwung. Hochgefühl. Ob das Mikroklima des aufsteigenden Wurstwasserdampfs den Wetterkollaps bewirkte, bleibt offen. Im Zweifelsfall sollte man auf gesottene Würste in hochsommerlichen Stadien nie verzichten.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 29. Juli 2013

3 Kommentare

  1. Herr Je says:

    Wenn es genügend kalt ist, lassen sich übrigens mit ruhiger Hand und etwas Geduld auch sehr schöne Fett-Stalagmiten auf den Betonboden zaubern.
    Das konnten Sie natürlich bei dieser Hitze nicht testen.

    • Hanna Jordi says:

      Vielen Dank für den Hinweis, Herr Je, das werde ich bei Gelegenheit sicher austesten.

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  1. Herr Je says:

    Wenn es genügend kalt ist, lassen sich übrigens mit ruhiger Hand und etwas Geduld auch sehr schöne Fett-Stalagmiten auf den Betonboden zaubern.
    Das konnten Sie natürlich bei dieser Hitze nicht testen.

    • Hanna Jordi says:

      Vielen Dank für den Hinweis, Herr Je, das werde ich bei Gelegenheit sicher austesten.

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