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Wo Berns Geister wirklich hausen

Wenn es im Schweizerhof nicht spukt, wo dann? Journalist und Spukforscher Hans Peter Roth weiss es wohl, darf es aber nicht verraten. Sonst hagelt es Klagen von Liegenschaftsverwaltungen.

Da passiert in Berns Nobelresidenzen endlich mal etwas Spannendes – die Teller und Töpfe in der Schweizerhofküche wechseln spontan den Standort und eine Türe ist urplötzlich verschlossen –, und dann muss man merken, dass man der topmotivierten Kreativabteilung eines PR-Büros auf den Leim gegangen ist.

Auf die mysteriöse Meldung von vergangener Woche, dass es im Fünfsternehaus spuke, folgte gestern die Entwarnung. Man habe werbetechnisch mal etwas Neues ausprobieren wollen, es handle sich um eine «fiktive Sache». Schade. Damit ist Bern um ein Spukhaus und eine potentielle Attraktion ärmer.

Doch wo treiben sich Berns Geister herum, wenn nicht im Schweizerhof? Bescheid weiss Hans Peter Roth. Er ist Journalist und Spukforscher («Orte des Grauens in der Schweiz», 2006) und kann derzeit im Dokfilm «Das Fenster zum Jenseits» bei der Arbeit beobachtet werden. Er hat schweizweit hunderte Interviews mit Betroffenen von Spukphänomenen geführt – und kennt daher auch Berns gruslige Geheimnisse.

Herr Roth, das Küchengerät entwickelt ein Eigenleben und Türen versperren sich eigenmächtig: Inwiefern entsprechen diese Vorkommnisse dem Spuk-Kanon?
Das ist überhaupt nicht abwegig. Gegenstände, die den Standort wechseln, werden oft beobachtet. Da war etwa jene Familie, die hat mir folgendes erzählt: Nach einer Geburtstagsparty verlassen sie das Haus. Als sie wieder zuhause ankommen, schweben die Heliumballone plötzlich an der Decke im Erdgeschoss und nicht mehr im ersten Stock. Dass Türen, die eben noch abgeschlossen wurden, plötzlich unverschlossen sind, ist mir aus der Bechburg in Oensingen an der A1 bekannt. Der umgekehrte Fall, dass eine Tür auf einmal verschlossen ist, ist natürlich denkbar. Die Spukphänomene aus dem Schweizerhof sind wenn schon nicht wahr, dann doch gut recherchiert.

Bern ist eine geschichtsträchtige Stadt mit vielen alten Gemäuern: Ist das ein gutes Terrain für Geister?
Grundsätzlich kann man sagen: In alten Häusern kommen häufiger Spukphänomene vor als in Neubauten. Bern ist also ein gutes Terrain.

Auf welche Spukorte sind Sie im Laufe Ihrer Recherchen gestossen?
Auf einige. So viel vorweg: Ich kann keine Adressen nennen, sonst habe ich die Liegenschaftsverwaltungen am Hals. Sie wollen verhindern, dass ein Haus plötzlich als Spukhaus gebrandmarkt ist und dadurch an Marktwert verliert. Dabei kann man ja nicht ausschliessen, dass es auch Freaks gäbe, die es zu schätzen wüssten, eine WG mit einem Geist zu führen. Aber ich muss das so respektieren.

Dann halt ohne die Angabe der Hausnummer – welche Spukhäuser sind Ihnen bekannt?
Eines befindet sich an der Rathausgasse. Dort berichteten mir die Familienmitglieder von einer Reihe Vorkommnisse: Einmal öffnete sich spontan eine Holztüre, worauf es der kleinen Tochter entfuhr: «Jetzt ist sicher jemand gestorben.» Am nächsten Tag fand man heraus, dass ein Nachbar in dieser Nacht eines natürlichen Todes gestorben war. Jahre später hörte die Mutter ein Rumpeln im Schrank, doch als sie nachsah, war kein Regal zusammengebrochen. Dafür erfuhr sie am nächsten Tag, dass ihre Grosstante verstorben war. In derselben Wohnung machten die Menschen auch Schritte aus, die sie auf einen Einbrecher zurückführten, dabei war die Tür stets verschlossen – ein sehr häufiges Phänomen. Doch es kommt auch zu physischen Manifestationen: Im Obstberg steht ein altes Haus, in dem den Bewohnern regelmässig ein Geist erscheint: Ein Mann mit einer roten Nelke im Knopfloch, der wortlos im Türrahmen steht und auf Aufforderung die Wohnung verlässt. Eine Bewohnerin konnte ihn auf einer ausgeblichenen Fotografie als einen Dichter identifizieren, der früher in dem Haus gewohnt hatte.

Wie steht es mit den üblichen Verdächtigen? Dem Blutturm? Oder dem Gespensterhaus an der Junkerngasse 54?
Nun, ich bin nie Menschen begegnet, die dort wirklich Erfahrungen gemacht haben. Berns Spukgeschichtenexperte Alfred Erismann beschreibt in seinem Buch «Bern im Licht seiner Spuk- und Gespenstergeschichten» die Junkerngass-Legende als eine Spintisiererei. Dort haben die Menschen ihrer Fantasie wohl freien Lauf gelassen, weil das Haus leer stand. Der Blutturm hingegen wäre durch seine Lage an der Aare prädestiniert für Phänomene: Wasser ist als Spuk-Verstärker bekannt.

Wurden Sie selbst schon Zeuge von Spukphänomenen oder verlassen Sie sich schlicht auf die Vertrauenswürdigkeit ihrer Gesprächspartner?
Ich wurde noch nie eines Geistes ansichtig, falls Sie das wissen wollen. Doch einmal, als wir mit dem Schweizer Fernsehen für die «Reporter»-Sendung «Die Geisterjäger» in der Bechburg unterwegs waren, da passierte etwas Eigenartiges: Plötzlich fiel die Kamera aus. Solche technischen Defekte sind nicht selten, wenn sich Filmteams aufmachen, um Spukphänomene festzuhalten. Selbst dem Aufnahmeleiter, der auf die Zuverlässigkeit der Ausrüstung schwor, wurde da bang ums Herz. Ansonsten verlasse ich mich tatsächlich auf die Aussagen meiner Auskunftspersonen. Als Journalist habe ich ein gutes Gespür dafür, wann eine Person aufrichtig ist und wann nicht. Und wenn man reihenweise bodenständige Personen befragt, die übersinnliche Phänomene schildern, dann ist das sicher zumindest eindrücklich.

Heisst das, Sie zweifeln nicht an der Existenz der Ereignisse?
Nein. Keinesfalls.

Zurück zum Schweizerhof. «Die Geister, die ich rief…»: Müssen sich die Verantwortlichen jetzt vor einem Gegenschlag aus der Geisterwelt fürchten?
Das wäre sicher nicht das Schlimmste, das dem Hotel passieren könnte. Ein Blick nach England zeigt: Die Spukhotel-Branche boomt. Ähnlich wie das Hotel Val Sinestra im Engadin, die haben ausgesorgt. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob sich die übliche Schweizerhof-Klientel von diesem Image ansprechen lassen würde.
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Mehr zum Thema:
www.spuk.ch
www.fensterzumjenseits.com

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 14. Dezember 2012