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Der grosse Aperitif-Check (1)

Hotel Schweizerhof Bar, Whiskey Sour. Stimmung: genervt.

Nein, bisher ist es kein Sommer, wie sich ihn Rudi Carrell gewünscht hätte. Wolkenbrüche ohne Ende sorgen für seelischen Niederschlag. Die meteorologischen Bedingungen sind für den gepflegten Aperitif reichlich ungünstig. Freunde der Sonne wissen, dass deren Strahlen quasi zum Grundrezept jedes spätnachmittäglichen Erfrischungsgetränks gehören. Hartgesottene Verfechter des Aperitifs lassen sich jedoch vom Wetter nicht unterkriegen. Wo man sich billiges Bier hinter die Binde kippen kann, haben uns unsere Saufkumpanen von der etwas seriöseren Seite des «Bund»-Imperiums in den vergangenen Wochen verraten. Der «Hauptstädter», Ihre Zeitschrift für Völlerei und Leberwerte, konzentriert sich daher vorerst auf Getränke mit gehobenem Alkoholgehalt, die zu gehobenen Preisen in gehobener Gesellschaft ausgeschenkt werden. Milieustudie wird dabei grossgeschrieben.

Deshalb startet «Hauptstädter»-Testtrinker Erdmann diese Serie im Hotel Schweizerhof. Vorrecherchen werfen ein zwiespältiges Licht auf das Berner Nobel-Etablissement. Aus den Medien ist es vor allem als AfD-Absteige mit bruchgefährdeter Glasfront bekannt. Laut Eigenbeschreibung ist die Lobby-Lounge-Bar jedoch der «Hotspot der Stadt» und bietet «erfrischende Drinks» bei «internationalem Ambiente». Die Wahrheit liegt nicht, wie so oft, irgendwo in der Mitte, sondern völlig wo anders.

Es ist ein steiler Weg, der zur Bar des Hotels Schweizerhof führt. Also nicht auf Höhenmeter bezogen, sondern auf den gesellschaftlichen Anstieg. Schon vor dem Eintritt in die Lounge wird man auf das alljährliche Schweizerhof-Golfturnier aufmerksam gemacht. Classy! Die 60 Plätze der Bar sind grösstenteils bereits besetzt, weil eben «Hotspot der Stadt». Ein Kellner eilt Testtrinker Erdmann zu Hilfe und schlägt ihm vor, sich in der Cigar Lounge einzurichten. Fancy! Doch weil der Testtrinker sein Zigarrenetui zu Hause vergessen hat, quetscht er sich voller Reue an die Bar. Seine Sitznachbarn trüben das versprochene «internationale Ambiente» etwas. Links: einheimischer Mittfünfziger, der auf sein Date wartet. Rechts: zwei Rekruten, die auf ihren Zug warten. Der Testtrinker sehnt sich schon beinahe ein wenig nach Frauke Petry.

Nun aber zur Sache. Es wird Whiskey Sour bestellt. Das scheint den Barkeeper auf dem falschen Fuss erwischt zu haben. Er muss sich bei einer Kollegin erkundigen, wie dieser gemixt wird. Die Zubereitung eines guten Drinks braucht seine Zeit. Deshalb war Testtrinker Erdmann nach dem ersten Schluck etwas überrascht, wieso es so lange dauerte, bis er sein Getränk serviert bekommen hat. Unter «erfrischenden Drinks» versteht man im Schweizerhof anscheinend, Gläser hauptsächlich mit Eis zu füllen. Das schmilzt da natürlich schnell, weil eben «Hotspot». Was bleibt, ist eine wässrige Pfütze mit dezentem Whiskeyaroma und säuerlichem Abgang. Testtrinker Erdmann ist sich nicht sicher, ob das dem internationalen Standard entspricht.

Währenddessen geht es in der Lounge lustig zu und her. Eine generationenübergreifende Frauengruppe quetscht die Gesichter gerade für ein Selfie zusammen. Ein jüngeres Mitglied kündigt an, das Bild gleich auf «Insta» zu posten. Hashtag: «Girlsnight». Wäre des Testtrinkers Vertrauen in den Barkeeper nicht längst gebrochen, hätte er spätestens dann eine weitere Bestellung aufgegeben. Er entscheidet sich stattdessen für die Rechnung. Wenn er sich die Berichterstattung der Saufkumpanen von der etwas seriöseren Seite des «Bund»-Imperiums zu Herzen genommen hätte, hätte er sich für den bezahlten Preis locker vier Bier inklusive Trinkgeld im Brésil leisten können.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 6. Juni 2016

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1 Kommentar

  1. SWaldorff says:

    Warum ich Schweizerhof vermeide: 4 Personen bestellen 4 Gläser Champagner. Sie werden sehr allmächlich gebracht. Wir fragen, nach dem ersten Schluck, nach etwas zum knabbern. Kellner bringt 3 (drei) Oliven. Kostenpunkt 80 Franken. In Zukunft ohne mich.

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  1. SWaldorff says:

    Warum ich Schweizerhof vermeide: 4 Personen bestellen 4 Gläser Champagner. Sie werden sehr allmächlich gebracht. Wir fragen, nach dem ersten Schluck, nach etwas zum knabbern. Kellner bringt 3 (drei) Oliven. Kostenpunkt 80 Franken. In Zukunft ohne mich.

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