schliessen

Die Comic-Wunder von Bern

Während überall rund um Bern Comicshops ihre Türen schliessen, darf sich die Stadt Bern seit über zwanzig Jahren mit ihren zwei Comicläden rühmen. Woran liegt das?

Unter einem «typischen» Comicshop stellt man sich einen wie in «Big Bang Theory» oder den «Simpsons» vor. Von einem eher versifften oder nerdigen Inhaber geführt, der meistens auch gleichzeitig der Verkäufer an der Theke ist; vollgefüllte Regale, wohin das Auge reicht; äusserst kostbare Sammlerstücke, verpackt in Folie, die unter dem Tisch oder aus dem Hinterzimmer geholt werden; Comicfiguren aus Plastik und Plüsch; eventuell Verkleidungen? Verkleidungen, mit denen man an jeder Comic-, Anime- oder Manga-Convention zum absoluten Hingucker wird. Diese «typischen» Shops setzen alles, wirklich alles auf die Comickarte.

Solche Shops sucht der Comicfreak in der Stadt Bern vergebens. Er wird lediglich auf die zwei Comicabteilungen im Drachenäscht oder im Stauffacher stossen. Das könnte den klassischen Comicfan enttäuschen. Insbesondere dann, wenn er Läden wie beispielsweise Kari’s Comicshop gewohnt war: ein kleiner Laden in Aarau, in welchem «Dragonball»- und «Inuyasha»-Bände – Episoden, die erst Wochen später im Fernsehen ausgestrahlt wurden – bezogen werden konnten. Ein kleiner Laden, der ausschliesslich auf Artikel wie Digimon-Poster, Sailormoon-Kostüme, One-Piece-Bettwäsche, Mickey-Mouse-Socken, Marsupilami-Geschirr oder Spongebob-Wecker gesetzt hatte. Kurze Rede, langer Sinn: Vor drei Jahren machte Kari’s Comicshop dicht. Und der klassische Comicfan musste weiterziehen.

Vielleicht war er oder sie nach Murten in den Comics-Lade Deuble gezogen. Doch auch da hatten finanzielle Probleme bereits Wurzeln geschlagen und belasteten den Ladeninhaber. Auch dieser Comicshop war verloren und schloss seine Türen Ende 2013. Aarau und Murten sind nur zwei von vielen Schauorten, wo Ladenbetreiber aus finanziellen Gründen ihre Geschäfte einstellen mussten.

Die Stadt Bern gehört nicht dazu. Sie hat quasi zwei Comic-Wunder. Das Drachenäscht an der Rathausgasse und der Stauffacher an der Neuengasse existieren seit Jahrzehnten und machen nicht den Anschein, demnächst von der Stadtfläche zu verschwinden. Die Comicabteilung in der Buchhandlung Stauffacher war sogar eine der ersten in der Schweiz: Seit 1974 können Comicjunkies dort ihren Stoff beziehen. Und in diesen letzten rund 40 Jahren hat sich das Comicsortiment im Stauffacher keineswegs verkleinert. Die Gesamtverkaufsfläche sei sogar grösser geworden.

Das Drachenäscht bietet seit dem Jahr 2005 Comicartikel an. Dank der raschen Übernahme des ehemaligen Comic-Chäller in der unteren Etage, der ebenfalls aus finanziellen Gründen vor dem Aus stand, konnte die Stadt Bern sein zweites Comic-Wunder beibehalten. Auf Anfrage beim Drachenäscht heisst es, die Comicgeschäfte liefen stabil, am besten würden sich die Mangas verkaufen.

Gerade dass diese beiden Comicanbieter keine «typischen» Comicshops sind, die alles auf die Comickarte setzten, macht sie möglicherweise zu Berner Wundern, die im Markt bestehen. Der klassische Comicfan findet in Bern vielleicht nicht dieses abgeschottete, homogene Comicuniversum – dafür aber findet er eine spezifisch auf seine Interessen zugeschnittene Nische, die ihm sehr wahrscheinlich noch viele Jahrzehnte erhalten bleiben wird.

Ein weiterer Grund für die gut laufenden Geschäfte könnte sein, dass die Berner Bevölkerung leidenschaftlich gerne Comics liest. Und offenbar ihren Lesestoff auch gerne in ihrer Hauptstadt bezieht. Diese Möglichkeit soll auch künftig bestehen bleiben: Support your local Comicdealer.

Liliane Manzanedo

Liliane Manzanedo ist Oltnerin und kam anfänglich vor allem wegen ihres Lieblingsbiers «Bärner Müntschi» in die Hauptstadt. Mittlerweile hat sie auch den «Bärni» und «Junker» entdeckt und findet Bern noch toller.


Publiziert am 31. März 2016

Schlagworte

2 Kommentare

  1. Zock says:

    Ich sammleseit Jahrzehnten Comics und gebe dafür auch eine schöne Stange Geld aus. Jahrelang habe ich das vor allem in den zwei lokalen Comic-Bezugsquellen gemacht, ganz im Sinne von “Support your local Comicdealer”.
    Seit sich Thalia und damit Stauffacher eine Hochpreisstrategie verschrieben hat, und vor allem Nicht- Mainstream-Bücher (und damit auch die meisten Comics) noch einmal teurer anbietet, als dies vor dem Ende der Buchpreisbindung eh schon der Fall war, kann ich diese lokale Quelle leider nur noch in absoluten Ausnahmefällen berücksichtigen. Dem Drachennest aber bleibe ich treu!

  2. Gisela Nyfeler says:

    Und Bern bietet noch mehr: Diejenigen, die sich einen Comic gerne vorlesen lassen, kommen am Samstag 2. April im Tojo auf ihre Kosten. Dank der Comiclesung im Rahmen der Berner Humortage.
    http://www.comiclesung.ch

Alle Kommentare zeigen
  1. Zock says:

    Ich sammleseit Jahrzehnten Comics und gebe dafür auch eine schöne Stange Geld aus. Jahrelang habe ich das vor allem in den zwei lokalen Comic-Bezugsquellen gemacht, ganz im Sinne von “Support your local Comicdealer”.
    Seit sich Thalia und damit Stauffacher eine Hochpreisstrategie verschrieben hat, und vor allem Nicht- Mainstream-Bücher (und damit auch die meisten Comics) noch einmal teurer anbietet, als dies vor dem Ende der Buchpreisbindung eh schon der Fall war, kann ich diese lokale Quelle leider nur noch in absoluten Ausnahmefällen berücksichtigen. Dem Drachennest aber bleibe ich treu!

  2. Gisela Nyfeler says:

    Und Bern bietet noch mehr: Diejenigen, die sich einen Comic gerne vorlesen lassen, kommen am Samstag 2. April im Tojo auf ihre Kosten. Dank der Comiclesung im Rahmen der Berner Humortage.
    http://www.comiclesung.ch

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.