schliessen

Marroni extra

«150 Gramm Marroni, bitte»: Der Hauptstädter schwelgt in Kindheitserinnerungen und wagt den Selbstversuch als Marroniverkäufer.

«150 Gramm Marroni, bitte.» Als Kind gehörte das zur kalten Jahreszeit dazu. Gebannt wurde der Zeiger der Waage verfolgt, bis er 150 Gramm und ein bisschen mehr anzeigte. Doch wie sieht es jenseits der Waage aus? Der Hauptstädter wagt den Selbstversuch als Marroniverkäufer und tritt ein in das Reich von Lucia Isolde. Sie arbeitet am Waisenhausplatz, stammt aus der Nähe von Napoli und arbeitet jeweils von Oktober bis Februar in Bern. Einmal in das Häuschen eingetreten, empfängt einen der liebliche Duft der Marroni.

Lucia

«Am meisten verkaufe ich ab 17 Uhr, wenn die Leute sich von der Arbeit auf den Heimweg machen», sagt Lucia. Jetzt ist Mittag, und der Ansturm hält sich in Grenzen. Umso besser, so bleibt mehr Zeit für die Einführung in die Welt der Marroni. Die Zubereitung ist schnell erklärt: Vom Jutesack werden die kalten Marroni portionenweise in den Ofen geleert. Jetzt heisst es: Deckel drauf und warten, rund 5 Minuten lang. Es duftet immer besser, langsam öffnen sich die Marroni. Nun wird die Spreu vom Weizen getrennt: Wie bei den Muscheln werden die schlechten, ungeöffneten Exemplare aussortiert, die guten landen in einem Wärmebehälter.

ezgif.com-video-to-gif (1)Erfahrung ist gefragt: Die Marroni dürfen nicht zu lange im Ofen erwärmt werden, sonst werden sie trocken. Bleiben sie dagegen zu lange im Wärmebehälter, werden sie feucht. «Am Anfang habe ich jeweils eine Marroni gekostet, um zu schauen, ob sie gut ist. Das muss ich heute nicht mehr», sagt Lucia.

ezgif.com-video-to-gif (4)

Jetzt gilt es, die warmen Marroni zu verkaufen. Ein paar Stammkunden kommen vorbei, sie wollen auch zur Mittagszeit nicht auf ihre geliebten Marroni verzichten. Die Marroni in Säckchen abzufüllen, ist gar nicht so einfach. Wie viele Marroni sind 150 Gramm? Intuitiv kommen zu wenig Marroni ins Säckchen. Doch es gehört sich genau andersherum. Damit die Kunden glücklich sind, braucht es jeweils eine Marroni zusätzlich zum gewählten Gewicht, quasi als Kundengeschenk.

ezgif.com-video-to-gif (2)

Ob sich die Käufer vor allem darauf freuen, ihre kalten Finger an dem warmen Säcklein zu wärmen, oder lediglich die Marroni geniessen wollen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass eine Portion Marroni über den Mittag auch ernährungstechnisch Sinn macht: Die Marroni enthält viele Kohlenhydrate, wertvolle Nährstoffe, ist dabei aber fett- und kalorienarm. Lange Zeit galt sie als Brot der Armen und war bis in die Nachkriegszeit ein wichtiges Grundnahrungsmittel.

«Vermicelles esse ich gerne», sagt Lucia und lacht. Doch zur Marroni hat sie ein gespaltenes Verhältnis. Seit Lucia jeden Tag Marroni im grossen Topf wärmt, wartet, bis die Schale aufspringt, sie in den Wärmebehälter umfüllt und an hungrige Kunden verkauft, isst sie selber fast keine mehr. Aus ihr spricht pure Weisheit. Der unbedarfte Marroniverkäufer ist nach einer Stunde so vollgefressen, Pardon, vollgenascht, dass er Forfait geben muss. Das warme Bauchgefühl hielt dann aber den ganzen Tag an und schützte bestens gegen die Kälte.

Michèle Steiner

Michèle Steiner


Publiziert am 10. Dezember 2015

Schlagworte

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.