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Gender-Schmarrn im Nobelhotel

Kalorienreduzierte Mahlzeiten für Frauen, politisches Networking für Männer: Das Hotel Bellevue macht auf «Mad Men» und tappt verblüffend zielsicher in die Klischeefalle.

Manchmal ist es angezeigt, Sachverhalte zu vereinfachen. Etwa, wenn es um Einsteins Relativitätstheorie geht. Oder wenn man einem Kind den Jura-Sitz im Berner Regierungsrat erklären soll. Geht es dagegen um Öffentlichkeitskommunikation, sollte man sich nicht lumpen lassen und die Welt nicht einfältiger machen, als sie tatsächlich ist.

In Sachen Geschlechterklischees sind Vereinfachungen besonders beliebt. Kein Wunder, dass sich da auch die Gastronomie nicht lumpen lässt. Das Resultat ist dadurch aber nicht weniger ärgerlich.

Besonders ungeschickt stellt sich ausgerechnet das Hotel Bellevue an, Berns zweite Fünfsternadresse neben dem Schweizerhof. Etwa bewirbt das Hotel per Flyer einen «Beauties’ Lunch», also «kleine und feine Gerichte». Der Rahmen: ein «leichter Business Snack unter Damen oder ein Fashion Lunch mit Freundinnen». Bevor Sie sich jetzt fragen, was ein «Fashion Lunch» ist: Sie haben alle Zeit der Welt, um es herauszufinden. Denn beim «Beauties’ Lunch» ist «openend zum Chatten inbegriffen – ganz ladylike».

Männer machen Networking. Frauen chatten. Männer essen blutige Steaks. Frauen fettarme Speisen. So weit, so simpel. Was in der Wortwahl an unbedarftem Sexismus noch nicht aufgeboten wurde, wird in der Bildsprache auf der Internetseite fortgesetzt:

Frauen halten Petit Fours:
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Männer blicken in Agenden:
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Frauen naschen Obst:
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Männer lesen Zeitung:
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Frauen riechen an Dekorationsgegenständen:
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Männer sind des Italienischen mächtig:
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Frauen drapieren sich auf Treppenstufen:
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Männer haben andere Sorgen:
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Frauen halten Cüpli-Runden ab:
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Männer Sitzungen:
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Diese Mad-Men-Fantasie aus geschmeidigen Geschäftsmännern und dekorativen Damen mag allenfalls einer Fernsehserie gut anstehen. Als Marketing-Instrument für einen professionellen Hotelbetrieb ist sie schlicht Schmarrn. Das Gute ist: Die Zielgruppe wird von der Kampagne nie erfahren. In den 50er Jahren hatten schliesslich die wenigsten Haushalte einen Internetzugang.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 18. September 2015