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Die Mär vom tollen Sommer

Wir unterziehen den Sommer 2015 einer «Weltwoche»-Kur. Die schwindende Saison ist gar nicht so toll, wie alle denken. Höchste Zeit, dass der Herbst kommt.

Bald wird es kühler. Erst 16, dann 12 und dann 10 Grad tagsüber. Mit der erhöhten Luftfeuchtigkeit kommt der unablässige Nieselregen, die Schwalben verschwinden, es nachtet unsittlich früh ein, kurz: Es wird Herbst. Ehe Sie jetzt in den Chor der Unglücklichen einstimmen, sollten Sie diesen Artikel lesen. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, dass der Sommer verschwindet. Zeit, ein bisschen Revisionismus mit dem Sommer ’15 zu treiben.

Wie das gemacht wird? Da zieht man am besten die «Weltwoche» zu Rat. Das Wochenmagazin unter SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel hat die «andere Lesart» zur Perfektion getrieben. Das geht so: Man nimmt einen intuitiv als stimmig eingestuften Sachverhalt – etwa: «Bischof Vitus Huonder hat ein Häfimaul» – und demaskiert ihn als Trugschluss. Pardon, als «Mär».

«Die Mär vom bösen Bischof» (über die Missinterpretation von Huonders Schwulenzitat, Weltwoche, 27. 8. 2015)

«Die Mär von der Abschottung» (über die Zukunft der Schweiz nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, Weltwoche, 5. 2. 2015)

«Die Mär der Frauen-Diskriminierung» (über Lohnungleichheiten zwischen Mann und Frau, Weltwoche, 30. 10. 2014)

«Die Mär von den Hochqualifizierten» (über die Bilateralen, Weltwoche, 23. 1. 2014)

«Die Mär vom Segen der Bilateralen» (über die Bilateralen, Weltwoche, 24. 10 2013)

«Die Mär von der Todeszone» (über die gesundheitssteigernde Wirkung von Radioaktivität in Japan, Weltwoche, 20.10.2011)

Wer ein paar einfache Regeln beachtet (siehe Fussnoten), kann jedes Thema einer solchen Kur unterziehen. So auch den Sommer 2015. Also, bittesehr:

Die Mär vom tollen Sommer 2015

Sobald die Tage kürzer und die Temperaturen kühler werden, sind sich die Medien, die Frauen und die Geisteswissenschafter einig (1): Das Ende der Welt steht bevor. Eben durften sie noch ganzseitige Glacétests publizieren, freizügige Kleidchen tragen und Nachmittage lang im Freibad herumfläzen (2). Und jetzt soll es damit vorbei sein?

Die Trauer ist gross, lasst schweigen die Pianos und die Trommeln schlagt, bringt heraus den Sarg, der Sommer geht zu Ende (3). Klar, der Sommer 2015 mit seinen lauen Sommernächten und den Wassertemperaturrekorden hatte seine guten Seiten (4), doch ein toller Sommer war er deshalb noch lange nicht (5). Weit gefehlt, es war ein Sommer der Enttäuschungen (6), grotesk und pitoyabel (7).

So lag im Juni die Sonnenscheindauer pro Monat mit 218 Stunden eine Stunde unter dem langjährigen Mittel von 219 Stunden (8). Und es gab Wespen, viele davon. Einmal wurde jemand (Name der Red. bekannt) sogar gestochen (9). Höchste Zeit, dass der Sommer vorbei ist. Höchste Zeit, dass der Herbst kommt (10).

(1) Feindbilder beschwören
(2) als schlichte Gemüter enttarnen
(3) Ironie durch Übertreibung
(4) Zum Schein ein Argument gelten lassen
(5) Argument zerstören
(6) nachtreten
(7) nachtreten
(8) Konzentration auf ein Nebenthema mit wissenschaftlichem Beleg
(9) Konzentration auf ein Nebenthema mit Emotionen
(10) Abschliessen mit Wahlempfehlung

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 31. August 2015

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