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Das Ende der Gemütlichkeit

In Berner Schuhgeschäften werden kaum mehr Finken verkauft. Das ist höchst bedenklich. Es bedeutet, dass die Leistungsgesellschaft im Begriff ist, in unser privates Zuhause einzudringen.

Es gibt Trends, die sind augenfällig, und dann gibt es solche, die im Versteckten stattfinden. Die einen verändern das Strassenbild. Etwa Bärte, Jutetaschen oder weiland der Micro-Scooter. Die anderen dagegen werden gegen aussen hin kaum sichtbar, sie verändern bloss private Rituale.

Sobald sie sich aber massenhaft einbürgern, prägen sie Nachfrage und Angebot. Das wurde einem Herrn schmerzhaft vor Augen geführt, als er sich kürzlich in einem gängigen Berner Schuhgeschäft nach Finken erkundigte. Nach Hausschuhen, die man überstreift, wenn der Arbeitstag vorüber ist, man aber trotzdem keine kalten Füsse haben möchte. Mit Vorliebe aussen Manchester und innen weisser Plüsch, Schuhe, die nach langem Tragen wie bauchige Boote aussehen, bereit, einen in den Hafen der Heimat zu schippern.

«Das führen wir leider nicht mehr», sagte die Angestellte mit einem mitleidig zur Seite geneigten Kopf, «und es ist vermutlich nicht ganz einfach, welche zu finden». Das wusste der Mann offensichtlich bereits längst, denn er hatte nach eigenen Aussagen «alles abgeklappert» und machte einen recht mutlosen Eindruck. Ist der Finken vom Aussterben bedroht?

Bevor wir jetzt einen Megatrend heraufbeschwören: Zumindest auf dem Platz Bern ist es tatsächlich schwierig geworden, Finken zu kaufen. Die grossen Schuhverteiler in den Hauptgassen geben auf telefonische Anfrage hin zur Auskunft, dass sie klassische Finken nicht mehr im Sortiment haben, höchstens noch «Alternativen».

Was bedeutet das nun, wenn der Finken aus den Läden und damit den Haushalten verschwindet? Es bedeutet das Ende der Gemütlichkeit. Immer auf dem Sprung, kann es sich der moderne Mensch nicht mehr leisten, Finken zu tragen. In einer Gesellschaft, die eine hohe Performanz fordert, senden Finken falsche, antidynamische Signale aus. Leute, die ihre Jugendlichkeit betonen, möchten die Fussbekleidung ihrer Väter, Onkel und Grossväter nicht in ihrer Garderobe wissen.

Mit dem Verschwinden des Finkens aus den Schuhläden hat sich der Trend ins Private bewegt. Das sollte uns nachdenklich machen. Denn auch vermeintliche Gegentrends sind nur Ausdruck einer Gesellschaft, die keine Zeit zum Ausruhen findet. Etwa der Birkenstock: Von Generationen von Familienvätern als Hausschuh getragen, bis das lederne Fussbett ganz speckig glänzte, hat er den Sprung an die Öffentlichkeit geschafft, auch modebewusste Menschen tragen ihn jetzt. Doch man sollte sich von ihm nicht täuschen lassen. Er ist nicht etwa gemütlich, nein, er ist hoch engagiert. Er ist geradezu angestrengt in seinem politischen Willen: Seht her, ich bin gesund, sagt er, topmotiviert, er ist der Veganer unter den Schuhtrends.

Stattdessen haben jetzt alle Haushalte anstelle von personalisierten Schmuddelfinken Two-Size-Filzschlüpfer vom schwedischen Möbelhaus in zwanzigfacher Ausführung, für die Gäste. Eine höchst effiziente Art der Fussbesohlung, aber auch wahnsinnig ungemütlich.

Was ist mit den Leggins, werden Sie fragen, weil Sie die Theorie zu stark beunruhigt: Die Leggins sind doch auch in der Öffentlichkeit sichtbar und wahnsinnig bequem? Nun, das mit den Leggings ist es natürlich etwas ganz anderes. Leggins haben offensichtlich mit Mode nichts zu tun.


Wehren Sie sich mit uns gegen den schädlichen Trend. Sind Sie noch eine Pantoffelheldin oder ein Pantoffelheld und verfügen über ein schönes Exemplar im Schuhschrank? Schicken Sie uns Ihr Finkenbild als Beweis. An ebundredaktion@derbund.ch, oder posten Sie es auf unserer Twitter– oder Facebookseite. Das schönste Paar wird im «Hauptstädter» prämiert.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 27. April 2015

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