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Wir basteln uns ein Open Air

Sie verfügen über grosse Ambitionen, verstehen aber nichts von Organisation und PR? Lernen Sie von den Profis vom «OpenAir Bern».

Es schmerzt! Gerade als wir dachten, Bern habe endlich den kulturellen Anschluss an New York, London und Tokyo gefunden, nimmt man uns die Miss-Schweiz-Wahlen wieder weg. Anscheinend ist Bern zu wenig weltoffen für Anlässe eines solchen Kalibers. So erstaunt es, dass sich ein anonymes Organisatoren-Kollektiv auf solch konservativen Boden ein neues Open Air etablieren will. Im Gegensatz zu den Miss-Wahlen werden die Organisatoren es wohl nicht dazu kommen lassen, dass der Anlass von reichlich Tohuwabohu begleitet wird. Dazu machen diese einen viel zu abgeklärten Eindruck. Sie fragen sich, wie Sie ebenfalls solche Kompetenz ausstrahlen können? Schauen wir einmal genau hin.

1. Lernen Sie Facebook
Als angehender PR-Profi werden Sie es bereits gemerkt haben: Auf Myspace beantwortet irgendwie niemand mehr Ihre Anfragen und der MSN Messenger schenkt Ihnen auch nicht die gewünschte Reichweite. Gehen Sie mit der Zeit, lernen Sie Facebook. Als gewiefter Marketing-Fuchs orientieren Sie sich an Likes-Magneten wie «Kann diese Brezel mehr Fans als TOKIO HOTEL haben?»

2. Flippige Texte
Nun, da Sie ein ausgewiesener Facebooker sind, können Sie Ihren Anlass bewerben. Denken Sie dran: Durch kreatives Schreiben heben Sie sich von der Konkurrenz ab. Vergessen Sie nicht ihren Text vor der Publikation mit Google Translate ins Burmesische und wieder zurück zu übersetzten. Das gibt ihren Sätzen eine ganz eigene Note.

3. Coole Bilder
Wieso Texte schreiben, wenn man auch einfach auf Bilder zurückgreifen kann? Den Trick kennen die Profis vom «OpenAir Bern» natürlich längst. Merken Sie sich, dass Sie Bildauswahl nicht unbedingt etwas mit Ihrem Anlass zu tun haben muss. Konzentrieren Sie sich eher auf Bildmaterial, das bei den einen Freude, bei den anderen Empörung hervorruft (Impressionen von umstrittenen Tanzveranstaltungen. Oder Gölä).

4. Lässige Öffentlichkeitsarbeit
Sie haben es geschafft! Dank Ihrem Mix aus flippigen Texten und coolen Bildern ist Ihnen das Interesse der Internetgemeinde auf sicher. Aber Achtung: Nicht jeder wird Ihnen wohlgesinnt sein. Da können Sie mit noch so vielen Konzerten von berühmten Rappern und Sängern locken – allen wird es nie passen. Wahrscheinlich weil Bern nicht so weltoffen ist. Damit die Sache nicht eskaliert, schicken Sie am besten ein paar Zeilen durch den Google Translator.

5. Locker bleiben
Ist Ihnen plötzlich etwas bange? Haben Sie das Gefühl, sich übernommen zu haben? Jetzt bloss keine Panik! Natürlich, Sie haben bisher noch keinen geeigneten Austragungsplatz gefunden, die Finanzierung ist ungewiss und genügend berühmte Rapper und Sänger haben Ihnen ebenfalls noch nicht zugesagt. Halb so schlimm. Schliesslich haben Sie dank Ihrem öffentlichen Auftreten die 10’000 Besucher schon zusammen – zumindest auf Facebook. Zwar sind diese nicht verpflichten dann tatsächlich zu kommen, genauso wenig sind Sie aber dazu verpflichtet auch tatsächlich ein Open-Air durchzuführen.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 11. März 2015

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