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Zeitfenster (3): Aus Sicht des Münsters

Wir wollten hoch hinaus - zur Münsterspitze. In der dritten Folge der Serie «Zeitfenster» schauen wir auf unsere Hauptstadt hinab. Und vergleichen die Weitsicht von gestern und heute.

Wie einst Staatsarchivar Heinrich Türler anno 1894 erklomm auch die Hauptstädterin die 312 Stufen zur Spitze des Berner Münsters. Wobei mit «Spitze» bloss die Achteckgalerie auf 64 Meter Höhe gemeint ist. Auf der Plattform des höchsten Kirchenturms der Schweiz bietet sich dem entkräfteten Treppensteiger ein phänomenaler Ausblick über die Dächer Berns, bis hin zu den Alpen. Vergleicht man die Aussicht mit der von 1894, erkennt man vor allem eines: Es gab mehr Platz. Denn zu einer Zeit, als noch niemand von verdichtetem Bauen und Leerwohnungsziffern von unter 0,5 Prozent sprach, war Bern noch ein Hort der Freiräume.

Süden

Richten wir unser Augenmerk als Erstes auf den Süden – dort scheint sich erstaunlich wenig geändert zu haben. Damals wie heute: stattliche Herrschaftshäuser. Ein gutbürgerlicher Stadtteil, wo Von und Von per Du sind.

Westen

Der obere Stadtteil mit Zytglogge, Käfigturm und Heiliggeistkirche – genauso wie 121 Jahre später. Doch die ländliche Idylle des 19. Jahrhunderts ist der Verdichtung zum Opfer gefallen. Und die bezahlbaren städtischen Wohnungen gut verdienenden Politikern mit engen Kontakten zur Liegenschaftsverwaltung.

Norden

Im Norden von 1894 stösst man auf alte Bekannte: Die katholische Kirche Peter und Paul sowie das Salemspital sind auch heute noch Stätten der Kranken und Gläubigen. Auf der rechten Seite erstrahlt das Hotel Viktoria, es ist heute – Nomen est omen – die gehobene Altersresidenz auf dem Altenberg.

Nordosten

Damals wie heute war die untere Altstadt dicht besiedelt. Heute womöglich von vielen Barbesitzern, Yuppies mit mondänen Dachterrassen und SP-Sympathisanten – die lieber nicht in Bankennähe wohnen wollen.

Osten

Ostwärts, der Blick auf Bärengraben, Junkerngasse, Matte und Obstberg. Vordergründig hat sich da wenig verändert. Doch wo einst Bären in einem Graben mit Rüebli beworfen und gleich daneben Trams parkiert wurden, buhlen heute die Wirte um die Gäste und fürchten sich Touristen vor potenziellen Schüttelbären.

Südosten

Beim Blick in den Südosten werden die Spuren der vergangenen 121 Jahre schnell sichtbar. Der Stadtteil Kirchenfeld/Schosshalde, oberhalb von Aareinseli und Englischen Anlagen, schien 1894 noch auffällig luftig. Die verstopfte Thunstrasse und «Verkehrsumleitungen über den Ring» waren noch in weiter Ferne.

Bilder: agr, historische Bilder via platzbern.ch

alexandra

Alexandra Graber


Publiziert am 27. Februar 2015