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Drei Wege zum Sitzplatz

Befolgen Sie eine dieser drei Anweisungen und Sie werden staunen, wie rasch und unkompliziert Sie auch in überfüllten Trams und Bussen zu einer Sitzgelegenheit kommen.

Haben Sie langsam die Nase voll von der ÖV-Debatte, die seit Monaten tobt und die Berner Medien dominiert? Der «Hauptstädter» kann es Ihnen nicht verübeln. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass das Problem der überfüllten Trams und Busse ungelöst bleibt, und das gilt auch für die Agglo-Gemeinden. Wie heisst es so schön: «Wir haben keinen Plan B.»

Sie dürfen also damit rechnen, auch in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten und vielleicht sogar Jahren die Stimmen erzürnter Bürger, fanatischer Naturschützer und warnender Wirtschaftsexperten zu lesen. Erfahrungsgemäss stehen die Chancen schlecht, dass sich derartige Probleme ganz einfach in Luft auflösen. Es gibt aber einige simple Tricks, wie Sie auch zu Stosszeiten in den Genuss eines 2er- oder 4er-Abteils für sich alleine kommen. Auf Kosten anderer, versteht sich. Aber unter solchen Umständen ist man sich eben selbst am nächsten. Der «Hauptstädter» wagt sich daher ins Feld des Service Public und präsentiert drei Varianten, wie geplagte ÖV-Benutzer locker ihren Wunsch nach Beinfreiheit und Sitzgelegenheit verwirklichen können.

1. Der nasse Hund:
Besorgen Sie sich einen Hund. Nicht irgendeinen – Sie brauchen einen grossen, langhaarigen und zotteligen Strassenköter. Lassen Sie ihn frühmorgens im Dreck spielen, wenn möglich bei Regen. Warten Sie, bis das Geschmiere schön ins Fell eingezogen ist. Dies erzeugt den bei Pendlern verpönte «Nasser-Hund»-Effekt: Ihr Hund stinkt dermassen, dass sich keiner auch nur in Ihre Nähe traut. Die meisten werden die Nase bereits beim Einsteigen rümpfen und idealerweise sogar das nächste Tram nehmen. Haben Sie sich dann hingesetzt, so achten Sie darauf, dass der Hund sich zu ihren Füssen ausbreitet. Niemand wird auf die doofe Idee kommen, sich auf den Platz neben Ihnen zu setzen.

Alternative: Gibt es keine günstigen, grossen und stinkenden Hunde im Angebot, dann nehmen Sie dafür vier kleine. Der Stink-Effekt ist kleiner, also schauen Sie, dass ihre haarigen Freunde dafür laut und unaufhörlich bellen. Dazu passend:

2. Das schreiende Kleinkind:
Sollten Sie sowieso vorhaben, bald eine Familie zu gründen, kommt Ihnen dieser Vorschlag sehr gelegen. Planen Sie wenn möglich gleich Zwillinge ein. Steigen Sie ins Tram oder in den Bus ein und stellen Sie Ihren überdimensionalen Kinderwagen dorthin, wo sonst noch fünfzehn Fahrgäste rumstehen könnten. Warten Sie, bis Ihr Nachwuchs ganz von selber zu weinen beginnt. Wichtig ist, dass Sie den Lärmpergel vor allem im Morgenverkehr möglichst hoch halten – trainieren Sie wenn nötig Ihre Babys von Geburt an darauf, eine kräftige Stimme zu entwickeln. Nach spätestens zwei Stationen werden die ersten hässigen Pendler aussteigen.

Warnhinweis: Einige Schlaumeier haben inzwischen bemerkt, dass Kopfhörer den Träger gegen Babygeschrei immunisieren. Alternativ können Sie also Variante «schreiendes Kleinkind» und «nasser Hund» kombinieren.

3. Der Grüsel:
Stinken kann jeder – im Andrang während den Morgen- und Feierabendstunden reicht allein der Umstand, dass Sie generell aufs Duschen verzichten, nicht aus, um jemandem einen Sitz abzuluchsen. Versuchen Sie also das Folgende: Zunächst einmal müssen Sie sich kratzen, und zwar am ganzen Körper – machen Sie auch vor dem Schritt nicht halt. Kratzen Sie sich so exzessiv, das Hautschuppen und Haare nur so durch die Luft fliegen. Ziehen Sie anschliessend Ihre Schuhe und Socken aus und beginnen Sie, Ihre Zehennägel abzukauen und zu verspeisen. Zugegeben, dies setzt etwas Beweglichkeit voraus. Nicht vergessen: Schnäuzen ist für Anfänger – rotzen Sie, bis Ihre Nase wieder frei ist. Schlucken Sie die Beute aber nicht einfach herunter, sondern spielen Sie in Ihrem Mund damit. Lassen Sie zum Beispiel einen Teil über die Lippen hängen und ziehen Sie diesen mit lauten Sauggeräuschen genüsslich wieder zurück.

Diese Variante ist zweifellos hocheffizient. Im Gegensatz zu den anderen zwei benötigt man hierfür aber etwas Übung – es ist noch kein Grüsel vom Himmel gefallen!

Der «Hauptstädter» hofft, mit diesen Tipps zur Entlastung des ÖV während den Stosszeiten beizutragen. Sollte all dies trotzdem nichts nützen, kombinieren Sie ergänzend beliebig viele der folgenden Elemente:

Füsse hoch; Knoblauch zum Frühstück; Rucksack und Einkaufstüten auf den Sitz daneben stellen; Energy Drink aufs Sitzpolster schütten; laut Musik abspielen; kein Deo benutzen; einen Joint drehen; per Telefon mit der Partnerin oder dem Partner Schluss machen; Heilsarmee-Lieder singen; Hosenstall offen lassen; Popel essen; Selbstgespräche führen.

Simon Gsteiger

Simon Gsteiger kommt ursprünglich aus der Provinz. Bern ist für ihn eine Metropole in Miniaturformat, deren Gemütlichkeit er zu schätzen weiss.


Publiziert am 8. Oktober 2014