Warum drucken wir nicht einfach mehr Geld?

Falsche Anreize und Schuldenberge: Die Politik des spotbilligen Geldes in Krisenzeiten hat auch ihre Schattenseiten.

Unterstützt die Wirtschaft mit hohen Milliardensummen, um die Corona-Folgen abzufedern: SNB in Bern. Foto: Keystone

Sie haben schon mehrmals vor den hohen Schuldenbergen gewarnt. Warum ist das so ein Problem? Die Staaten und Notenbanken können doch einfach Geld drucken und so die Schulden begleichen. Das machen sie doch schon lange. R.L.

Sie haben recht: Seit Jahren pumpen die internationalen Notenbanken die Märkte voll mit spotbilligem Geld. Zunächst nach dem Tech-Crash kurz nach der Jahrtausendwende und dann wieder im grossen Stil nach der Finanzkrise 2008 hatten die Notenbanken die Gelddruckmaschinen angeworfen und die Märkte mit Liquidität überschwemmt.

Das hat geholfen, die damaligen Krisen zu überwinden und den Aktienmärkten Auftrieb zu geben. Und nun stützen die Notenbanken und Regierungen die Wirtschaft mit hohen Milliardensummen, um die gravierenden Folgen der Corona-Krise abzufedern. Auch da hat die Börse positiv reagiert: Seit dem Corona-Crash im März haben sich die Aktienkurse deutlich erholt.

Die Schattenseite dieser Politik des billigen Geldes ist allerdings, dass völlig falsche Anreize gesetzt werden. Geld hat längst keinen Wert mehr – Kredite sind entweder wie jetzt die KMU-Überbrückungskredite kostenlos oder zuvor schon zu historischen Discountpreisen zu haben. Schulden zu machen, lohnt sich, denn die Zinsen sind tief. Kein Wunder, sind die Schuldenberge weltweit angestiegen.

Sich zu verschulden, ist auch bei Privaten in. Hypotheken sind zu Tiefpreisen zu haben. Davon hat der Immobilienmarkt stark profitiert. Und auch die Aktienbörsen werden seit längerem vom billigen Geld angetrieben. Wir erleben seit Jahren eine eigentliche Liquiditätshausse.

Sobald die Phase des spotbilligen Geldes zu Ende geht, muss man mit vielen Kreditausfällen rechnen.

Aus Mangel an überzeugenden Anlagealternativen strömen die Investoren mit Ihrem Kapital in die Aktien, was die Indizes von einem Rekord zum nächsten trieb und auch nach dem Corona-Crash die Erholung ermöglichte. Immer häufiger wurden noch vor dem Absturz im März Aktien auch auf Kredit gehandelt, zumal Lombardkredite fast kostenlos oder sogar ganz gratis vergeben wurden.

Schulden allerdings müssen bedient werden. Wenn irgendwann die Zinsen steigen, wird es teuer, die Kosten für die riesigen Schuldenberge zu bezahlen. Weil dann die Ausfallrisiken zunehmen, wollen viele Gläubiger, dass die Schulden amortisiert werden. Dazu werden aber längst nicht mehr alle Kreditnehmer in der Lage sein. Sobald die Phase des spotbilligen Geldes zu Ende geht, muss man mit vielen Kreditausfällen rechnen.

Private Hypothekarnehmer, die sich zu viel aufgebürdet haben, müssen ihre Häuser verwerten, Unternehmen sind gezwungen, wegen der teureren Schuldenlast die Kredite zu reduzieren, und selbst Staaten könnten Bankrott gehen. Die Notenbanken aber haben längst ihr Pulver verschossen. Viel tiefer können sie ihre Zinsen nicht mehr senken, selbst wenn wir nach der aktuellen Corona-Krise irgendwann die nächste Finanzkrise erleben. Und auch sonst fehlen ihnen die Instrumente zur Krisenbekämpfung, da sie diese bereits genutzt haben.

Immerhin können die Notenbanken noch viel mehr Geld drucken. Doch dann dürfte eine Entwicklung ihren Lauf nehmen, die wir seit Jahren nicht mehr kennen und die viele bereits ausgeblendet haben: Die Inflation steigt deutlich. Eine ganze Generation von jungen Anlegern hat in unseren Breitengraden nie selbst erlebt, was eine hohe Inflation im Alltagsleben bedeutet. Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass wir nie mehr eine hohe Inflation erleben.

Alle jene, die riesige Schulden haben – voran die Staaten mit enormen Schuldenbergen –, haben durchaus ein Interesse an einer hohen Inflation. Denn die Inflation vermindert ihre Schulden. Die Zeche bezahlen werden dann einmal mehr die Sparer: Ihr Sparbatzen verliert an Wert und würde durch eine hohe Inflation aufgefressen.

Noch sind wir weit davon entfernt – erst recht wegen Corona. Hohe Schuldenberge und spotbilliges Geld gibt es aber nie umsonst – irgendwann muss auch dafür die Rechnung beglichen werden. Dann wird es wohl für die meisten Marktteilnehmer unangenehm.