Warum der Ölpreis im Keller bleibt

Es braucht drei Entwicklungen, damit der Ölpreis wieder stark anzieht. Alle drei Faktoren sind derzeit nicht erfüllt.

Die Lager sind voll: Öltanks in Carson, Kalifornien. Foto: Getty Images

Ich hatte 2000 Stück Wisdomtree WTI Crude Oil ETC in mein Depot genommen. Soll ich diese verkaufen oder behalten in der Hoffnung, dass sich der Ölpreis erholt? R.K.

Bei dem von Ihnen gehaltenen Instrument handelt es sich um Exchange Traded Commodities (ETC). Zwar kann man auch mit den besser bekannten Exchange Traded Funds (ETF) in Rohstoffe investieren. Mit diesen kann man aber nur einen ganzen Index abbilden, nicht aber einen einzelnen Rohstoff.

Wenn jemand so wie Sie fokussiert auf einen bestimmten Rohstoff wie Rohöl setzen will, kann er ein Exchange-Traded-Commodities-Instrument nutzen, die es auf Edelmetalle wie Gold, Rohöl, Erdgas oder Agrarrohstoffe gibt. Im Vergleich zu ETFs tragen Sie bei den ETCs aber zusätzlich zum eigentlichen Anlagerisiko ein Emittentenrisiko. Denn ETCs zählen nicht zum Sondervermögen. Bei einem Konkurs des Herausgebers wäre Ihr Kapital nicht geschützt.

Weit höher ist allerdings das Anlagerisiko, wie Sie mit Ihrem ETC auf Rohöl gerade erleben müssen. Phasenweise sind die Notierungen für Rohöl der US-Sorte ins Minus getaucht. Der Taucher des auslaufenden WTI-Kontrakts vom Mai unter die Nulllinie zeigte, wie stark der weltweite Ölmarkt unter Druck ist. Das ist eine historisch einmalige Entwicklung und hat die Anleger schockiert.

Verantwortlich für den Preisrutsch ist das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.

Verantwortlich für den Preisrutsch beim Rohöl ist das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das durch die Coronakrise heftig verstärkt wurde. Weil Flugzeuge im Zuge der Covid-19-Pandemie am Boden blieben und der Flugverkehr erst jetzt wieder richtig zunimmt, Kreuzfahrtschiffe nicht mehr ausfahren konnten und während des Lockdown deutlich weniger Autos unterwegs waren, brauchte es viel weniger Rohöl. Die Nachfrage ist eingebrochen, das Angebot indes explodiert. Alle Lager sind längst voll.

Die Negativnotierungen bei der US-Sorte des Rohöls waren wohl ein finanztechnisch bedingter Ausrutscher. Anders als bei den Negativzinsen müssen wir uns kaum langfristig an Negativpreise beim Rohöl gewöhnen.

Sehr wohl müssen wir uns aber an lang anhaltend tiefe Rohölnotierungen gewöhnen. Zwar führten die Lockerungen der Corona-Massnahmen dazu, dass wieder mehr Öl gebraucht wird. Das reicht aber keineswegs, um die riesigen am Markt vorhandenen Ölmengen abzubauen. Bis der Flug- und Schiffsverkehr wieder voll in Fahrt kommt wie noch vor der Corona-Krise, dürfte es noch länger dauern.

Die tiefen Ölpreise bringen vor allem US-Schieferölhersteller massiv unter Druck, da diese oft hoch verschuldet und ihre Produktionskosten ohnehin recht hoch sind. Etliche US-Anbieter werden in Konkurs gehen.

Erst wenn viele Ölfirmen pleite sind, kann sich der Angebotsüberschuss stabilisieren.

Es braucht drei Entwicklungen, damit der Ölpreis wieder stark und nachhaltig anzieht: Erstens müssen die Förderquoten nochmals deutlich gesenkt werden. Zweitens braucht es eine Marktbereinigung: Erst wenn viele Ölfirmen pleite sind und sich aus dem Markt zurückziehen, kann sich der Angebotsüberschuss stabilisieren. Und drittens muss der Verbrauch im Zuge einer Normalisierung der weltweiten Wirtschaft nach einem Ende der Corona-Krise wieder stark steigen.

Alle drei Faktoren sind derzeit noch nicht erfüllt. Darum gehe ich davon aus, dass der Ölpreis weiter unter Druck bleibt und Sie mit Ihrem Rohöl-ETC weitere Kursrückschläge riskieren. Die Frage ist, ob Sie das investierte Geld brauchen und mit weiteren möglichen Buchverlusten leben können.

Wenn Sie einen langen Anlagehorizont haben, sehe ich Erholungschancen: Irgendwann wird es ein Medikament und eine Impfung gegen Covid-19 geben und wir werden die Corona-Krise überstanden haben. Sobald sich die globale Wirtschaft erholt, können Sie wieder mit höheren Kursen bei Ihrem Öl-ETC rechnen. Vorderhand sehe ich beim Öl aber keine Erholung.

13 Kommentare zu «Warum der Ölpreis im Keller bleibt»

  • Mathias Gasser sagt:

    Wenn jemand immer noch gezielt auf Öl setzt, bzw. sich damit persönlich bereichern will, dann hat er entweder noch gar nichts begriffen oder sein Egoismus & Bereicherungswahn ist besonders stark ausgeprägt…

    • Bernhard Piller sagt:

      Die Förderung von Oel ist nur die Folge der Nachfrage nach Oel. Wer heute noch Oel oder Kohle(strom) nachfrägt, hat noch gar nichts begriffen.

    • Johnny sagt:

      Sehe ich genau so und darum kaufe ich nur noch Aktien von Rüstungsfirmen die auch immer gut laufen.

      • David Lüscher sagt:

        Wer immer noch das Gefühl hat, dass Öl nur als Treibstoff verwendet wird, hat wirklich nichts begriffen. Die Welt wäre im Mittelalter ohne Rohöl.

  • R.S. sagt:

    Treibt man mit diesen Öl ETCs den Ölpreis in die Höhe, weil der Emittent gezwungen ist, mehr Öl-Futures zu kaufen? So lange der Produzent jemand findet, der ihm das Öl zum Produktionspreis abkauft, wird er produzieren. Auch wenn der Käufer das Öl gar nicht braucht.

  • Paul Meier sagt:

    Gehe voll einig damit. Zwei Punkte würde ich noch anfügen: die Lager sind proppenvoll, das heisst selbst wenn alles wieder anzieht dürfte es zuerst noch etwas dauern bis die Lagerbestände wieder normalisiert sind. Dann kommt noch dazu, dass überraschenderweise die Spekulanten ziemlich long sind. Hätte erwartet dass die eher eine short Position aufgebaut, doch ein Blick auf den CFTC „Commitment of Traders Report“ (Aufteilung der Positionen der Marktteilnehmer wie sie täglich der CFTC gemeldet werden müssen) zeigt, dass sie ziemlich long sind…. Aber zuletzt noch ein Hoffnungsschimmer an R.K.: „erstens kommt es anders zweitens als man denkt“ (Wilhelm Busch)

    • Olivier Fuchs sagt:

      ‚… dürfte es zuerst noch etwas dauern bis…‘ Nein. Die Finanzmärkte schauen immer und sofort in die Zukunft.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich hoffe, dass der ölpreis noch länger auf tiefem niveau bleibt. ist mir lieber als für die alibi-klimapolitik unserer linken und äh-grün-äh-liberalen… teure abgaben zu bezahlen, die a) dem klima nicht helfen und b) bloss dazu da sind die beamten-kontrollwirtschaft noch weiter zu intensivieren, und d) neue pfründe für den staat und die lobby zu schaffen.

  • lukas sagt:

    relativ wichtig bei diesem ETF: der negative rolling yield kann einem das genick brechen, auch wenn sich der öl-spot seitwärts bewegt.

  • Olivier Fuchs sagt:

    Hatte auch schon in so ETF investiert und nach vorübergehend 20% Verlust mit 10% Gewinn wieder verkauft. Es gibt selten, aber immer wieder Situationen, wo zwei oder drei negative Einflüsse zusammenkommen. Dann muss man kaufen. Der Ölpreis kann einfach nicht anders als auf mindestens 50 $ steigen innerhalb der nächsten Jahre

  • Roland Schönermann sagt:

    Wenn alle schreien „verkaufen!!“, kaufe.

  • Claire sagt:

    Oel ist nun mal ein preiselastisches Gut!
    2008 ging der Oelpreis vom Juni bis Dezember von 147 US$ Allzeitrekordhöhe auf bis unter 40$ runter, nur weil die Nachfrage gerade mal lächerliche 3% einbrach und die Kapazitäten vorher zu fest erhöht wurden!

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