Jemanden zu enterben, ist selten möglich

Gesetzliche Erben haben zwingend Anspruch auf ihren Pflichtteil – auch bei schwierigen Familienverhältnissen.

Was, wenn plötzlich eine Halbschwester auftaucht? Beim Pflichtteil spielt das Verhältnis zum Verstorbenen keine Rolle. Foto: Getty Images

Es hat sich herausgestellt, dass ich eine Halbschwester habe. Mein Vater war mit der Mutter meiner Halbschwester nicht verheiratet und hat Unterhaltszahlungen geleistet. Ist meine Halbschwester erbberechtigt? Wenn ja: Kann sie von einer allfälligen Erbschaft ausgeschlossen werden? N.R.

Da Ihre Halbschwester unbestrittenerweise die Tochter Ihres Vaters ist, hätte Sie beim Tod Ihres Vaters Anspruch auf ihren Pflichtteil. Einen solchen gibt es für die Kinder, Ehegatten und Eltern, sofern keine Nachkommen bestehen.

Beim Pflichtteil für Nachkommen wird nicht unterschieden, ob jemand aus einer ersten oder zweiten Ehe oder aus einer unverheirateten Partnerschaft stammt. Egal wie die Konstellation der Mutter Ihrer Halbschwester zu Ihrem Vater war: Ihre Halbschwester ist seine Tochter und damit durch den Pflichtteil geschützt. Dabei handelt es sich um jenen Teil, auf den bestimmte gesetzliche Erben zwingend Anspruch haben.

Vor diesem Hintergrund sehe ich keine Möglichkeit, dass Ihre Halbschwester beim Tod Ihres Vaters ganz von einer Erbschaft ausgeschlossen werden kann, wie Sie das in Ihrer Frage ansprechen. Bei den Pflichtteilen spielt es auch keine Rolle, ob Ihre Halbschwester und Ihr Vater überhaupt Kontakt hatten oder nicht. Entscheidend ist der belegte Verwandtschaftsgrad zwischen Ihrem Vater und ihr. Selbst wenn Ihr noch lebender Vater ein Testament machen und Ihre Halbschwester vom Erbe ausschliessen würde, wäre das nicht gültig. Ihre Halbschwester könnte das Testament problemlos anfechten, weil ihr Pflichtteil verletzt würde.

Es ist wichtig, dass man im Testament keine Formfehler macht.

Eine effektive Enterbung ist nur in den seltesten Fällen möglich – nämlich etwa dann, wenn Ihre Halbschwester gegenüber Ihrem Vater oder gegen eine ihm nahe stehende Person eine schwere rechtlich erfasste Straftat begangen hätte. Doch das trifft bei Ihrer Konstellation nicht zu. Der Pflichtteil gilt somit auch für Ihre Halbschwester.

Eine Möglichkeit hat Ihr Vater allerdings: Er kann den Anteil Ihrer Halbschwester am Erbe begrenzen. Dazu kann er sie, falls das sein Wunsch wäre, in seinem Testament auf den Pflichtteil setzen. Dies müsste in einem handschriftlich von Ihrem Vater verfassten, unterzeichneten und datierten Testament ausdrücklich so festgelegt sein. Damit hätte Ihre Halbschwester lediglich noch Anspruch auf den Pflichtteil am Erbe Ihres Vaters.

Gleichzeitig könnte Ihr Vater die frei verfügbare Quote – also den Teil des Erbes, der nicht durch den Pflichtteil geschützt ist – an Ihre Mutter oder Sie oder aussenstehende Personen oder Institutionen vererben.

Wenn schwierige Familienverhältnisse bestehen, kommt es nach einem Todesfall nicht selten vor, dass Testamente angefochten werden, weil sich etwa ein Nachkomme zu wenig gut behandelt fühlt. Darum ist es wichtig, dass man im Testament keine Formfehler macht, wenn man beispielsweise einen oder mehrere Erben auf den Pflichtteil setzt.

In der von Ihnen beschriebenen Situation rate ich Ihrem Vater erstens, dass er überhaupt ein Testament verfasst, was längst nicht alle Leute tun, und zweitens, dass er das Testament von einem Notar oder Anwalt fachlich auf allfällige Fehler prüfen lässt. So haben Sie und Ihre Eltern die Sicherheit, dass im Todesfall Ihres Vaters alles geregelt ist und Sie nicht unangenehme Überraschungen erleben.

19 Kommentare zu «Jemanden zu enterben, ist selten möglich»

  • Roland Rommel sagt:

    Meine Mutter hat ohne mein Wissen mit 87 heimlich einen 12 Jahre jüngeren Serben geheiratet und zwei Jahre später, ein Jahr vor ihrem Ableben mit ihrem Anwalt einen Ehevertrag ausgefertigt. Mir blieben als einziger Sohn ein Pflichtteil von 16% anstatt 75% Ich lebe im Ausland und meine in der Schweiz namhaften Anwälte konnten außer einer Rechnung in der Grössenordnung von von 25% meines Erbes nichts erreichen. Meine Mutter hatte Immobilien im Wert von einer Million netto nach Abzug der Bankverpfichtungen. Trotz Eintrag im Grundbuch floss der Verkaufserlös der Immobilien auf das Konto des mittellosen Ehegatten. Bei der Raiffeisenbank ist dieser Vorgang trotz Kenntnis der Familienverhältnisse normal. In der Schweiz wird der Pflichtteil durch Heirat ausgehebelt.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Stimmt nicht. Ehegatten können sich gegenseitig bloss das Vermögen zur Nutzung vererben. Nach dem Ableben beider Ehegatten gilt wieder die normale Regelung und Sie haben Anspruch auf ihren vollen Pflichtteil.
      Logischerweise kann der überlebende Ehegatte das Geld unrechtmässig verschenken und so Ihrem Zugriff entziehen. Doch das ist immer so. Jeder Erblasser kann das Erbe widerrechtlich an irgendwen verschenken. Wenn Sie nicht herausfinden, an wen es ging, haben Sie verloren.

    • Panja Flöte sagt:

      Fall A: Pflichtteil des Ehepartners ist 1/4, Pflichtteil der Nachkommen 3/8, die verbleibenden 3/8 sind frei und können irgendwem vererbt werden. — Sie müssten also mindestens 3/8 geerbt haben.

      Fall B: Bei Nutzniessung erbt der Partner 1/4 und darf 3/4 nutzniessen (= Zinsen, Dividenden, Mieteinnahmen aufbrauchen, nicht aber das Vermögen). Beim Tod des Partners gegen dann die 3/4 an die Nachkommen.

    • Dietmar B. sagt:

      Dann würde ich mir die Frage stellen, warum Ihre Mutter unbedingt wollte, dass Sie nicht alles erben.

      • Stefan sagt:

        Ich finde den Post so oder so seltsam. Was tut zb die Nationalität zur Sache? Und warum hat sie nichts gesagt? Hatte ja vielleicht Gründe? Ich finde Erbpflicht grundsätzlich seltsam, mal abgesehen von Fällen, wo zb eine Firmenexistenz aufrechterhalten werden muss, oder der Ehegatte hat sonst keine Existenz. Aber warum bin ich verpflichtet, meinen Erwachsenen Kindern etwas zu vererben? Ich sehe den Sinn nicht.

  • Panja Flöte sagt:

    Ja, drei Minuten Spass kann teuer werden 🤣 … der Pflichtteil der leiblichen Kinder beträgt 3/8 (= 6/16). Wenn also zwei Kinder vorhanden sind, bekommt jeder mind. 3/16 von der Erbmasse. — Ich hoffe, Sie behandeln Ihre Halbschwester respektvoll, denn sie trägt gar keine Schuld an der aktuellen Situation.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Was man noch erwähnen muss:
    Wenn sich alle Erbberechtigten einig sind, kann man das Erbe nach Gutdünken verteilen. Man muss NICHT dem Testament folgen.
    Haben wir in unserer Familie so gemacht und so sichergestellt, dass entgegen dem letzten Willen ALLE Kinder gleich viel bekamen, auch der Stiefsohn, der sonst praktisch leer ausgegangen wäre.
    Man sollte einem Verstorbenen keine Gelegenheit geben, die Familie mit Hilfe des Testaments auseinander zu treiben. Leider zielt unser Parlament in Bern derzeit darauf, dies zu ändern, damit bösartige Menschen in Zukunft selbst nach ihrem Tod noch Unfrieden stiften können.

    • Panja Flöte sagt:

      Vorbildlich 👍 … beim Erben geht es oft um viel Geld, da verliert so mancher den Anstand.

    • Thomas Hartl sagt:

      @Rolf Rothacher: Wenn es um die Erbschaftsteuer geht, wird das Recht des Erblassers hochgejubelt und dem Staat unterstellt, dass er die Freiheit des Einzelnen beschneidet, über sein Nachlass zu verfügen. Wenn der Erblasser nun diese Freiheit wahrnehmen will, und über sein Vermögen so verfügt, wie er es für richtig empfindet, werfen Sie ihm Bösartigkeit vor. Warum soll der Staat Gesetze für einen Pflichtteil erlassen, aber keine Gesetze zugunsten der Allgemeinheit? Das wirkt für mich ziemlich absurd.

    • Peter Brun sagt:

      Ich wundere mich über Ihre Einstellung, dass „man einem Verstorbenen keine Gelegenheit geben dürfe, die Familie mit Hilfe eines Testaments auseinander zu treiben“. Bei einem Erbe geht es um die Hinterlassenschaft des Verstorbenen. Also kann er über die Verwendung seiner Hinterlassenschaft mittels Testament frei und in seinem Sinn entscheiden (unter Berücksichtigung der gesetzlichen Pflichtteile, natürlich). Warum wollen Sie ihm dies streitig machen? Die Umsetzung des Willens des Verstorbenen steht für mich an erster Stelle. Selbstverständlich sollte es den Erben nicht genommen werden, gewisse Anpassungen an der Erbverteilung vorzunehmen. Aber den Willen des Verstorbenen völlig über den Haufen zu werfen, scheint mir anmassend zu sein. Hatten Sie ein belastetes Verhältnis zum Verstorbenen?

  • Walter Moser sagt:

    @Rolf Rothacher: „Leider zielt unser Parlament in Bern derzeit darauf, dies zu ändern, damit bösartige Menschen in Zukunft selbst nach ihrem Tod noch Unfrieden stiften können.“

    Was ist da genau am Laufen? Kann ich mir nicht vorstellen.

  • Gerhard Engler sagt:

    googeln Sie nach „KOMMISSION UNTERSTÜTZT MODERNISIERUNG UND FLEXIBILISIERUNG DES ERBRECHTS“

  • Konstantin Z. sagt:

    Die Flexibilisierung des Erbrechts ist durchaus vernünftig. Schliesslich entstand das alte Recht im Wesentlichen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als noch uneingeschränkt das traditionelle Familienmodell galt. Ketzerische Anmerkung: Warum soll es einen Pflichtteil für Nachkommen geben? Die Eltern haben bereits sehr viel Geld, Zeit und Energie den Kindern geschenkt. Und erwarten nichts im Gegenzug, es bleibt ein Geschenk. Viele Nachkommen verzichten freiwillig auf ihren Pflichtteil zugunsten des Ehepartners damit z.B. das Haus der Eltern nicht verkauft werden muss. Eine Flexibilisierung in diese Richtung wäre ein Fortschritt.

    • Sonusfaber sagt:

      Wie bitte? Für viele Kinder sind Eltern vor allem Peiniger (gewesen) – dass sie mit dem Pflichtteil dafür entschädigt werden, ist das Minimum!

    • Panja Flöte sagt:

      Mit der Möglichkeit der Nutzniessung der Erbmasse sind Ehepartner maximal abgesichert. Das Geld geht erst an die Nachkommen, wenn auch der 2. Partner stirbt.

  • Bruno Albrecht sagt:

    Kann mir jemand erklaeren was der Pflichtteil ist wenn man kein Vermoegen hat wie ein Haus oder so was sondern nur persoenliche Sachen?

    • Panja Flöte sagt:

      Bei persönlichen Sachen einigen sich die Erben am besten gemeinsam. Wenn mehrere Erben denselben Gegenstand wollen, dann sollte das Los entscheiden.

      Wichtig zu wissen ist: Wenn man ein Erbe annimmt, muss man auch für etwaige Schulden aufkommen. Sobald man nach dem Tod also beginnt, die persönlichen Gegenstände zu verteilen bzw. das Aufräumen zu organisieren, gilt dies bereits als Annahme des Erbes.

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