Bergsicht gibt noch keine Rendite

Die Glarner Kantonalbank wirbt für Papiere, die «rund um den Glarner Hausberg investieren» – eine hübsche Marketingidee.

Im Auge des Glärnisch: Das neue Anlageprodukt der Glarner Kantonalbank setzt auf Heimatliebe. Foto: Keystone

Die Glarner Kantonalbank hat das Anlageprodukt AMC Glärnisch aufgelegt. Was halten Sie davon? Wäre das eine Beimischung? G.B.

Das vom Glarner Staatsinstitut herausgegebene Actively Managed Certificate AMC Glärnisch investiert gemäss Produktebeschreibung «in nachhaltige und attraktive Unternehmen in einer begrenzten Region rund um den Glarner Hausberg Glärnisch». Damit eine Börsenfirma bei diesem Finanzvehikel berücksichtigt wird, muss «deren Hauptsitz oder eine wichtige Produktions- oder Servicestätte an einem Standort liegen, der vom Glärnisch aus zu sehen ist».

Offen gesagt, musste ich bei diesem Selektionskriterium für einen Aktienbasket schmunzeln, da ich schlicht keinen Zusammenhang zwischen einem möglichen Kurserfolg von bestimmten Aktien und der Sichtbarkeit der gewählten Firmen vom Glärnisch aus ableiten kann. Warum genau sollten diese Unternehmen besser laufen als jene, die – sagen wir mal – vom Titlis aus oder vom Säntis, Gurten oder vom Uetliberg aus zu sehen sind?

Dazu kommt, dass der Radius bei dem Instrument ziemlich willkürlich gezogen scheint. Immerhin werden über den Bezug zum Glärnisch hinaus für die Titel-Selektion Nachhaltigkeitskriterien nach dem ESG-Standard, also nach anerkannten Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien, beigezogen.

In den nach lokalpatriotischen Hauptkriterien zusammengesetzten Aktienkorb haben es die folgenden Unternehmen geschafft: Allreal, Cembra Money Bank, Emmi, LafargeHolcim, Lindt & Sprüngli, Schweiter, Softwareone, Swiss Life, Zurich Insurance, Conzzeta, Forbo, Gurit, Implenia, Inficon, Kardex, Aryzta, Orior und Zug Estates.

Eine Firma mit Sitz im Kanton Glarus habe ich auf der Liste nicht gefunden. Dafür mehrere Firmen aus den Kantonen Zug, Zürich, Luzern, Nidwalden oder St. Gallen. Die Glarner Kantonalbank verkauft das Produkt unter dem Titel «Investieren rund um den Glarner Hausberg». Sie sehen: Es ist alles nur eine Frage der Interpretation.

Für mich ist das nichts mehr als eine zwar durchaus sympathische Marketingidee Ihrer lokalen Bank. Gegen all die Unternehmen gibt es nichts einzuwenden. Mir ist aber nicht klar, warum Ihnen als Anlegerin genau dieser Mix einen überdurchschnittlichen Anlageerfolg in der Zukunft bringen sollte. In erster Linie investieren Sie damit zu hundert Prozent in Aktien und tragen ein hohes Anlagerisiko, zumal viele Schweizer Aktien schon hoch bewertet sind.

So sehr ich Heimatliebe schätze und förderungswürdig halte, ist für mich die ziemlich willkürlich anmutende Selektion schwer nachvollziehbar. Lokalpatriotismus schränkt in diesem Fall die Diversifikation auf einen bestimmten Radius ein, während die Diversifikation aus Risikoüberlegungen so breit wie möglich sein sollte.

Vor allem bekommen Sie die lokalpatriotische Selektion denn auch nicht gratis: Wenn Sie in dieses Produkt investieren, zahlen Sie pro Jahr alles in allem Gebühren von fast einem Prozent, die damit von Ihrer Rendite weggehen.

Persönlich würde ich stattdessen lieber einen erfolgreichen Aktienfonds nutzen, der breit diversifiziert auf den gesamten Schweizer Aktienmarkt fokussiert oder einen passiv verwalteten Schweizer Aktien-Indexfonds oder einen Exchange Traded Fund (ETF), der an den Swiss Performance Index gekoppelt ist. Den Indexfonds und die ETF bekommen Sie zudem zu deutlich tieferen Gebühren.

Ich gebe zu, dass Sie dann nicht das vielleicht schöne Gefühl haben, «rund um den Glarner Hausberg» zu investieren. Aber unsere Heimatliebe endet ja auch nicht am Glärnisch. Daher würde ich lieber einen gesamtschweizerisch ausgerichteten Fonds mit passivem Management nutzen.

Mit den so gesparten Gebühren würde ich mir dann einen Tagesausflug auf den Glärnisch leisten und selbst die tatsächlich schöne Aussicht vom Glarner Hausberg und ein paar lokale kulinarische Spezialitäten geniessen.