Schauen Sie dem geerbten Gaul ins Maul

Wer Aktien und Fonds erbt, sollte von seiner Bank unbedingt einen Depotcheck machen lassen.

Mein Erbe, mein Risiko: Geerbte Wertpapiere sollten dem eigenen Risikoprofil entsprechen. Foto: iStock

Ich habe ein Depot geerbt mit Aktien und Fonds von rund 150’000 Franken. Darin befinden sich verschiedene Swisscanto-Fonds sowie Aktien von ABB, Lonza, Swisscom, Zurich und Zürichsee-Fähre. Mein Horizont ist momentan bis vier Jahre. Ich selbst gehe Richtung Pensionierung. Würden Sie empfehlen, das Depot so weiterlaufen zu lassen oder eventuell einzelne Titel zu veräussern? R. U.

Jedes Depot hat eine Geschichte. Wenn man nun wie Sie ein Depot erbt, dann sind darin Wertschriften enthalten, die den persönlichen Verhältnissen des damaligen Besitzers entsprachen und allenfalls auch Liebhaberwerte enthalten, zu denen der Besitzer einen Bezug hatte. Ein Beispiel dafür sind die Aktien der Zürichsee-Fähre.

Die Bedürfnisse des früheren Besitzers des Depots müssen allerdings nicht mit Ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Darum haben Sie das Richtige gemacht: Wenn man ein Depot erbt, sollte man von seiner Bank einen Depotcheck machen lassen und es einerseits auf seine Werthaltigkeit überprüfen und anderseits auch abklären, ob die im Depot enthalten Wertschriften auch zu einem selbst und zur eigenen Risikofähigkeit passen.

Wenn Sie etwa höchste Sicherheit suchen würden und möglichst keine Kursschwankungen in Kauf nehmen möchten, macht es keinen Sinn, dass Sie die Aktien und Fonds, die ebenfalls wieder Aktien enthalten, einfach behalten würden.

In Ihrem Fall sehe ich es indes anders: Sie schreiben mir, dass Sie einen Anlagehorizont von mehreren Jahren haben und kurz vor der Pensionierung stehen. Da wäre es aus meiner Sicht vorteilhaft, wenn Sie zusätzlich zu Ihrer Rente noch jedes Jahr schöne Dividenden als Zustupf bekommen.

Die im geerbten Depot enthaltenen Aktien der Zurich-Versicherung, Swisscom und ABB gehören zu den Dividendenperlen. Die Zurich verspricht auch künftig eine Dividendenrendite von über 5 Prozent und die Swisscom und ABB eine Dividendenrendite von über 4 Prozent. Angesichts der rekordtiefen Zinsen ist das sehr attraktiv. Allerdings sind die Dividenden nie garantiert, und Sie müssen mit starken Kursausschlägen leben.

Auch die Papiere der Lonza würde ich behalten – weniger nur wegen der Dividende, sondern wegen der viel versprechenden Perspektiven des Unternehmens. Die Papiere der Zürichsee-Fähre sind Liebhaberwerte. Die würde ich behalten, wenn Sie einen Bezug dazu haben. Auch die Dividende ist nicht schlecht. Vor diesem Hintergrund würde ich die Aktien vorderhand behalten, aber bei den verschiedenen Fonds eine neue Struktur ins Depot bringen, die Ihren Bedürfnissen und Ihrem Risikoprofil, das Ihre Bank erfasst hat, wirklich entspricht.

Um eine Balance zu den Aktien zu schaffen, finde ich die beiden eher etwas konservativeren Portfolio-Fonds, die Ihnen die Bank vorgeschlagen hat, sinnvoll. Nur auf Anleihen oder reine Obligationenfonds in Schweizer Franken zu setzen, bringt angesichts der tiefen Zinsen nichts. Damit verlieren Sie nach Abzug aller Gebühren meist Geld.

Dazu kommt, dass Sie mir schreiben, dass Sie noch einen hohen Betrag in der steuerbegünstigten Säule 3a parkiert haben und dieses Geld offenbar einfach auf dem Konto liegt. Da Sie bald pensioniert werden, käme dieses Geld auch zur Auszahlung.

Ich rate Ihnen, dieses Geld nach der Auszahlung ebenfalls teilweise zu investieren und bei Ihrer Portfolioplanung und Strategie bereits heute einzubeziehen.

3 Kommentare zu «Schauen Sie dem geerbten Gaul ins Maul»

  • Pan Flöte sagt:

    Für unerfahrene Anleger gilt generell:
    — keine Einzelaktien kaufen (da diese regelmässig überprüft werden sollten)
    — die Strategie „Buy-and-Hold“ betreiben
    — nur ETFs kaufen (da günstig, da langfristiges Buy-and-Hold kein Problem)
    — möglichst wenige verschiedene ETFs kaufen (einer reicht bereits durchaus, z.B. FTSE All-World, MSCI ACWI)
    — Depot-Kosten im Auge behalten (die Grossbanken sind meist sehr teuer)
    — sich selbständig informieren (justetf.com)

  • Jean Gilette sagt:

    Swisscanto-Fonds verkaufen, da reine Kommissionsfresser und Schlechtperformer.

    • Pan Flöte sagt:

      So ist es! — Wer einen aktiven Fonds kauft, dann nur einen, der bei Morningstar.ch 4 oder 5 Sterne erhalten hat (sollte man aber regelmässig überprüfen).

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