Abgestürzte Papiere als Spekulationsobjekte

Rallye SA ist die Mutterfirma der bekannten Detailhandelskette Casino. Der Schuldenberg der Gruppe ist erdrückend hoch. Entsprechend machen sich die Investoren Sorgen um ihr Geld. Foto: Getty Images

Seit anfangs 2018 halte ich die Obligation 3.25% der Rallye SA in meinem Portfolio. Der Kursverlauf dieser Obligation bereitet mir Sorgen, und momentan ist der Stand knapp über 20 Prozent. Informationen zum Unternehmen sind spärlich erhältlich – daher meine Frage: Ist es sinnvoll, diese Obligation jetzt zu verkaufen, um einen Totalverlust zu vermeiden, oder soll ich den Verlust aussitzen und auf bessere Verkaufsgelegenheiten warten? E.H.

Die Entwicklung beim französischen Detailhändler Rallye SA ist für die betroffenen Anleger ein Desaster. Rallye war gezwungen, sich in Frankreich unter gerichtlichen Schutz stellen zu lassen. Dies mit dem Ziel, die riesigen Schuldenberge, die sich bei der Gruppe angehäuft hatten, neu zu strukturieren.

Das Unternehmen, das bei uns in der Deutschschweiz keine hohe Bekanntheit hat, ist die Mutterfirma der bekannten Detailhandelskette Casino und der Sporthandelskette Go Sport. Den Grossteil des Umsatzes macht Rallye mit Marken wie Casino oder Monoprix im Lebensmitteldetailhandel in Frankreich, ist aber auch in Lateinamerika und weiteren ausländischen Märkten aktiv.

Der Schuldenberg ist für die Gruppe inzwischen erdrückend hoch und die finanzielle Lage sehr schlecht. Entsprechend machen sich die Investoren Sorgen um ihr Geld. Zu Recht. Noch ist völlig unklar, ob die Gruppe gerettet und finanziell saniert werden kann. Ich weiss es auch nicht. Als Inhaber einer Anleihe von Rallye müssen Sie sich auch darauf einstellen, dass Sie im schlimmsten Fall Ihr Geld verlieren, oder zumindest ein Grossteil Ihres Kapitals.

Falls es zu einer Sanierung käme, liegt hingegen durchaus eine starke Erholung der Rallye-Anleihenkurse drin, die ins Bodenlose gesunken sind. Doch eine Garantie dafür haben Sie definitiv nicht. Ebenso möglich ist, dass die Kurse der 3,25-Prozent-Anleihe, die im Februar 2018 herausgeben wurde und eine Laufzeit bis ins Jahr 2024 hat, noch tiefer einbrechen, da die Anleger das Vertrauen in die Gruppe verloren haben.

Wenn Sie bereit sind, im schlimmsten Fall das ganze Geld abzuschreiben, können Sie das Papier behalten und auf eine Erholung spekulieren. Aus meiner Sicht ist das aber hoch spekulativ. Wenn Sie aber wenigstens den Rest Ihres Geldes sichern möchten, sollten Sie verkaufen. Dann verlieren Sie einiges.

Abgestürzte Papiere wie die Anleihe von Rallye SA sind Spekulationsobjekte von Investoren geworden, die auf notleidende Anleihen setzen. Für solche Spekulanten kann die Rechnung durchaus aufgehen, da sie erst einsteigen, wenn die Kurse schon eingebrochen sind. Entsprechend hohe Renditen liegen drin. Gleichzeitig tragen sie ein reales Ausfallrisiko.

Als Privatanleger hingegen sollte man nie in einzelne notleidende Anleihen investieren, da man so ein enormes Klumpenrisiko trägt und damit rechnen muss, seinen ganzen Einsatz zu verlieren. Falls jemand in notleidende Anleihen anlegen möchte, rate ich, ausschliesslich Anlagefonds zu nutzen, sich auf notleidende Obligationen fokussieren, nicht aber Einzeltitel.

Bei solchen Fonds profitiert man von einer breiten Diversifikation. Selbst wenn einer der Schuldner Pleite geht, verliert man nicht gleich sein ganzes Geld, sondern hat eine gute Chance, dass man mit anderen Schuldnern, die gerettet werden, schön Geld verdient.