So greift der US-Fiskus nach CH-Erbschaften

Der US-Fiskus hat einen langen Arm: Selbst ADR-/ADS-Papiere mit einem bestimmten Anteil ausseramerikanischer Titel wie Alibaba können von der Erbschaftssteuer betroffen sein. Foto: iStock

Anlagen in den USA, unter anderem Aktien von US-Firmen, fallen leider auch für Schweizer unter die amerikanische Erbschaftssteuer. Aus diesem Grunde besitze ich keine Aktien von US-Firmen. Wie verhält es sich aber mit ADR-/ADS-Wertschriften von nicht amerikanischen Firmen, die eine US-Wertpapierkennnummer haben? Zum Beispiel Alibaba. Das ist ja keine amerikanische Firma. Kann ich davon ausgehen, dass diese ADR /ADS für Schweizer nicht erbschaftssteuerpflichtig sind und sich die Erben wegen Wertschriften dieser Art unter keinen Umständen mit den US-Steuerbehörden herumschlagen müssen? A.F.

Tatsächlich greift der Arm des amerikanischen Fiskus fast um die ganze Welt und betrifft längst nicht nur US-Bürger. Auch wenn ein verstorbener Schweizer amerikanische Wertschriften hielt, interessiert sich der US-Fiskus für dessen Nachlass und macht die hohle Hand.

Bei den von Ihnen erwähnten ADR-/ADS-Papieren ist die Sache weniger klar. ADR ist die Abkürzung für American Depository Receipt. ADS wiederum steht für American Depositary Shares. Dabei handelt es sich um Wertschriften, die einem bestimmten Anteil ausseramerikanischer Titel entsprechen. Diese Zertifikate werden anstelle der Aktien in den USA in US-Dollar gehandelt. Die Papiere werden von US-Banken zur Kotierung ausländischer Unternehmen in den USA herausgegeben, allerdings gelten diese nicht als amerikanische Wertschriften.

Da Ihre Frage, ob diese ADR-/ADS-Papiere unter die US-Erbschaftssteuer fallen oder nicht, komplex ist, habe ich mich beim Wirtschaftsprüfungsunternehmen PricewaterhouseCoopers erkundigt, welche Praxis diesbezüglich bei den US-Steuerbehörden tatsächlich gilt. US-Steuerexperte Richard Barjon von PWC erklärt dazu: «Die US-Steuerbehörde IRS hat in Einzelfällen entschieden, dass ADR/ADS gemäss Private Letter Ruling – PLR200243031 – nicht als US-Situsvermögen gelten.»

Private Letter Rulings sind Entscheide der US-Steuerbehörden zu einem bestimmten Fall. Laut dem zitierten Fall werden ADR-/ADS-Papiere somit nicht zu den Vermögenswerten gezählt, die unter die US-Erbschaftssteuer fallen. Bei einem in der Schweiz verstorbenen ADR-/ADS-Halter würden also keine US-Erbschaftssteuern fällig.

Allerdings relativiert US-Steuerexperte Barjon: «Obwohl diese formal verbindlichen Antworten gute Hinweise darauf geben, wie die US-Steuerbehörde IRS die Steuergesetze interpretiert, sollte dennoch zur Sicherheit der Einzelfall geprüft werden, da diese Private Letter Rulings sich auf individuelle Sachverhalte beziehen und keine allgemein verbindliche Wirkung haben.»

Für Anleger in der Schweiz stellt sich angesichts dieser Antwort die Frage, in welchen Fällen es denn trotzdem zu einer US-Besteuerung kommen könnte. Dazu meint PWC-Steuerexperte Richard Barjon: «Da ADR/ADS im Code der US-Steuerbehörde nicht als von US-Situsvermögen befreit aufgeführt sind, müssen die Behörden ihren Freistellungscharakter von Fall zu Fall positiv bestätigen. Obwohl es sich daher – in der Regel und unter Berufung auf die jeweilige Private Letter Rulings – nicht um ein US-amerikanisches Situs-Asset handelt, kann man nie mit letzter Sicherheit voraussagen, ob die US-Steuerbehörde IRS in einem bestimmten Fall noch immer an dieser Ansicht festhält.»

Deshalb rät der Steuerexperte, dass jeder Fall einzeln im Detail angeschaut werden sollte. Für die meisten Privatanleger in der Schweiz ist es aus meiner Sicht allerdings viel zu aufwendig, den Einzelfall im Detail von Experten prüfen zu lassen. Daher hat man die Wahl: Entweder trägt man ein Restrisiko, dass der US-Fiskus vielleicht einmal trotzdem am Nachlass interessiert ist, oder – wenn man auf Nummer sicher gehen will – man lässt nicht nur die Finger von US-Wertschriften, sondern auch von ADR-/ADS-Papieren.