Wie Europas Wirtschaft an Fahrt verliert

Gebremster Aufschwung: Als Exportweltmeister leidet Deutschland überdurchschnittlich unter neuen Zöllen und generell Handelsbarrieren. Foto: Getty Images

Es heisst immer, Deutschland sei unser wichtigster Handelspartner. Doch nun hört man, dass es unserem Nachbarland nicht mehr ganz so gut geht. Dazu kommen das Hin- und Her um die Asylpolitik und der Skandal bei Audi. Wie sehen Sie die Perspektiven für den Handelspartner Deutschland? U.K.

Der Dieselskandal, der nach Volkswagen auch Audi erreicht und zum Rücktritt von Audi-Chef Rupert Stadler geführt hat, ist für das Vertrauen in die Wirtschaft zweifellos negativ. Einen direkten Einfluss auf die deutsche Konjunktur hat er indes nicht.

Psychologisch schlecht ist auch der Asylstreit unter den deutschen Koalitionspartner CDU und CSU. Politische Börsen haben zwar, wie ein Sprichwort sagt, kurze Beine. Dennoch sorgt auch der Streit unter den Koalitionspartnern für zusätzliche Unsicherheit bei den Investoren.

Weit gravierender stufe ich für Deutschland indes den von US-Präsident Trump angestossenen internationalen Handelskonflikt zwischen den USA, China und Europa ein.

Als Exportweltmeister leidet Deutschland überdurchschnittlich unter neuen Zöllen und generell Handelsbarrieren. Deutschland ist in besonderem Mass  auf einen freien Welthandel angewiesen. Gerade die deutsche Automobilindustrie trägt negative Konsequenzen von protektionistischen Massnahmen.

Allerdings muss festgehalten werden, dass bis jetzt nur ein recht geringer Anteil der deutschen Exporte von den durch die USA verhängten Zöllen betroffen ist. Je mehr weitere Zölle und Gegenmassnahmen verhängt werden, desto mehr hat das auch einen Einfluss auf die Exporte von Deutschland und damit auch für die vielen Zuliefererbetriebe aus der Schweiz.

Tatsache ist, dass das Klima für Exportstaaten wie Deutschland schwieriger geworden ist. Obschon die Wirtschaft in Deutschland und in der gesamten EU weiter wächst, hat sich die Wachstumsdynamik bereits abgeschwächt. Sichtbar war dies bereits im ersten Quartal, in dem sich das Wachstum der deutschen Wirtschaft auf 0,3 Prozent halbiert hatte.

Wenn die Wirtschaftslokomotive Deutschland an Kraft verliert, kann das auch für das übrige Europa gefährlich werden.

Ein zusätzlicher Risikofaktor für die deutsche Wirtschaft – und generell die Konjunktur in Europa – stellt Italien dar. Die politischen Verhältnisse in Italien bleiben höchst unsicher und es braucht wenig, dass es zu einer neuen Eurokrise kommt.

Dieses Mal würde nicht Griechenland im Zentrum stehen, sondern das weit wichtigere Italien, welches auf riesigen Schuldenbergen sitzt. Eine erneute Eurokrise wäre vor allem für die grösste Volkswirtschaft Europas, für Deutschland, risikobehaftet.

Die Kombination US-Handelsstreit, Risiko Eurokrise wegen Italien und die politischen Unwägbarkeiten in Deutschland selbst, sind für die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr definitiv nicht förderlich. Alle diese Faktoren zusammen dürften das Wachstum bei den Exporten, Konsum und Investitionen bremsen.

So erstaunt es mich nicht, dass auch das Münchner Ifo-Institut seine Wachstumsprognose für das deutsche Bruttoinlandsproduktes im 2018 von 2,6 auf nur noch 1,8 Prozent deutlich gesenkt hat.

Im 2019 dürfte es in Deutschland sogar ein noch geringeres Wachstum geben. Der grosse Aufschwung bei unserem wichtigsten Handelspartner ist daran, sich abzuschwächen.