Wie wird man Verwaltungsrat?

Fachliche und soziale Kompetenz: Führen heisst Verantwortung übernehmen und Vorbild sein. Foto: Getty Images

Mich würde interessieren, wie Verwaltungsräte ernannt, gesucht respektive ausgewählt werden in der Privatwirtschaft und bei Bundesbetrieben. Es gibt ja zurzeit viele eher schlechte Beispiele von Verwaltungsräten. Wie weit spielen da Beziehungen eine Rolle? Darf ein Verwaltungsratspräsident auf operative Dinge Einfluss nehmen? R.J.

Die Suche nach Mitgliedern des Verwaltungsrates ist Aufgabe und Pflicht des VR-Präsidenten und der übrigen Verwaltungsräte. Auch Geschäftsleitungsmitglieder können im Prinzip unverbindlich Vorschläge einbringen. Am VR ist es aber, alle Kandidatinnen und Kandidaten auf Eignung genau zu prüfen.

Vorschläge werden vom Verwaltungsrat dann als Ganzes zuhanden der Generalversammlung des Unternehmens gemacht. Die Generalversammlung der Aktionäre wählt sodann die neuen Verwaltungsratsmitglieder. Bei staatlichen Institutionen erfolgt die Wahl in der Regel durch das nächsthöhere Gremium – zum Beispiel durch den Bundesrat.

Die Suche der Verwaltungsräte erfolgt in der Praxis meist über spezialisierte Kaderrekrutierungsfirmen. Beispiele dafür sind die Unternehmen Egon Zehnder oder Executive Search Guido Schilling. Diese machen aufgrund des zuvor mit dem VR festgelegten Profils Vorschläge und prüfen die Kandidaten auf Herz und Nieren.

Obwohl es oft verneint wird: Beziehungen spielen in der Praxis in der kleinräumigen Schweiz, wo sich die meisten Führungsleute kennen, auch eine Rolle – früher noch weit mehr als heute. Allerdings sollten der VR und die beauftragten Firmen unabhängig genug sein, dass sie sich durch Beziehungen nicht (zu stark) beeinflussen lassen.

Der VR kümmert sich in der Regel um strategische Angelegenheiten und der CEO und die weiteren Mitglieder der Geschäftsleitung um die operativen Tätigkeiten. Strategische und operative Angelegenheiten sollten getrennt sein, und der Verwaltungsrat sollte sich auch nicht in operative Angelegenheiten einmischen.

In der Praxis ist das aber keineswegs immer klar, und es kommt immer wieder vor, dass sich Verwaltungsräte auch ins operative Geschäft einbringen. Je nach Konstellation kann das der Sache sogar dienlich sein, sollte aber eigentlich die Ausnahme bilden.

Die fachliche und soziale Qualität von Verwaltungsräten ist meines Erachtens für ein Unternehmen sehr wichtig: Denn es sind ja die Verwaltungsrätinnen und -räte, welche anschliessend die Geschäftsleitung ernennen.

Es gibt den saloppen Spruch «Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken». Bezogen auf Ihre Fragestellung bedeutet dies: Wenn der Verwaltungsrat nichts taugt, besteht eine grosse Gefahr, dass auch fatale Fehlentscheide bei der Ernennung des operativen Kaders erfolgen und falsche Anreize gesetzt werden.

Eine schlechte Firmenkultur, welche vom VR als Vorbilder und der Geschäftsleitung geprägt wird, kann ein Unternehmen letztlich in den Ruin treiben.

Umso bedeutender ist es aus meiner Sicht daher, dass bei der Auswahl von Top-Führungskräften höchste Professionalität und Sorgfalt angewandt wird und fachliche und Sozialkompetenz-Kriterien prioritär gewichtet werden. Führen heisst, Verantwortung zu übernehmen und Vorbild zu sein – im Betrieb und in der Gesellschaft.  

13 Kommentare zu «Wie wird man Verwaltungsrat?»

  • Stefan W. sagt:

    Vielleicht sollte man zwischen grösseren und kleineren Firmen unterscheiden. In einer kleineren Firma entscheiden fast ausschliesslich Beziehungen. Man wählt jemanden, den/die man kennt. VR-Sitze bei kleineren AGs sind auch nicht so attraktiv, dass die Kandidaten dafür Schlange stehen würden. Daher findet man auf diese Weise eher Leute, die es wegen Interesse an der Firma tun, und nicht wegen des Honorars.
    Headhunter kommen wohl eher bei grösseren Firmen zum Zuge, wo man aus den Geldgierigen diejenigen auswählen muss, die am ehesten daneben auch für das Wohl der Firma eintreten werden und können.

    • Peter Berger sagt:

      Das sehe ich gar nicht so- auch und gerade bei Grosskonzernen spielen Beziehungen eine zentrale Rolle. Das Netzwerk des jeweiligen VRP ist sehr wichtig, wer dort vorkommt und eine Topleistung nachweisen kann, hat Chancen.

  • Peter Pfister sagt:

    Zu 95% kommt es auf Beziehungen an, sowohl bei börsenkotierten Unternehmungen als auch bei Kleinst-Firmen. Man kennt sich und will mit seinesgleichen zusammen sein (z.B. Raiffeisen). Dies hat sich in den letzten Jahren noch weiter akzentuiert. Neue Leute könnten kritisch und damit unangenehm sein. Also wird lieber mit persönlich bekannten Leuten zusammengearbeitet als mit einem möglichen Nestbeschmutzer. Die besten Chancen auf einen VR-Sitz hat demnach, wer gut vernetzt ist und/oder finanziell in einer höheren Liga spielt sich gegenseitig Top-VR-Mandate zuspielt. Bis auf weiteres dürfte zudem die Ausbildung der VR eine untergeordnete Rolle spielen, denn schlussendlich ist dafür die operative Führung zuständig. Wobei auch dort nicht immer der Beste, sondern eher der Genehmste zuständig ist.

  • Jean-Pierre Neidhart sagt:

    Verwaltungsrat wird man nur, wenn man der richtigen Kaste entspringt. Verwaltungsrat wird man immer nur durch Beziehungen und Unterwuerfigkeit.

  • bela summermatten sagt:

    Bei der Auswahl der Verwaltungsräte gilt oft noch das sog. Karrer-Prinzip: Ein unbefleckter Lebenslauf, idealerweise hat man auch im Sport gewisse Meriten eingeheimst. Dann Verbandsfunktionär werden und dort die in der charakterlichen Prädisposition bereits schlummernden Eigenschaften wie Servilität, Ellböglen im richtigen Moment, Beharrlichkeit, Opportunismus und Ersetzen nicht vorhandener fachlicher Kompetenzen mit Seilschaften perfektionieren. Im VR glänzen solche Leute dann gerne mit abenteuerlichen Wortmeldungen und mit Wikipedia-Wissen lenken sie gerne von der mangelnden Dossierskenntnis ab. Ganz wichtig auch: Die Kunst der Verblendung der Headhunter.

    • Abugadi sagt:

      Treffender kann man es nicht schreiben! und das verrückte ist, dass solche Leute noch von den Medien emporgehoben werden.

      • Alberto La Rocca sagt:

        Karrer?
        Wurde der nicht vom Dölf Ogi entdeckt? Von Letzterem war doch die Mehrheit des Volkes begeistert. Es spricht auch Bände, wie verzweifelt Economiesuisse gewesen sein muss, einen Phrasendrescher auf den Präsidentenschild zu heben – offensichtlich glauben nicht mal mehr die Wirtschaftsführer an ihren eigenen Lobby-Club!

  • Alberto La Rocca sagt:

    Multi-VR wird man am einfachsten, wenn man National- oder Ständerat ist, dann kann man an der VR-Sitzung den Stand der Verhandlungen und die vertraulichen Ergebnisse aus den vorbereitenden Kommissionen ausplaudern. So weiss die Wirtschaft immer bestens vor dem Stimmvolk, was im Parlament gebastelt wird.

  • Sabine Bosshardt sagt:

    Für alle Verwaltungsräte, die daran interessiert und mutig genug sind, auch fähige und unabhängige Frauen in ihren Reihen aufzunehmen, gibt es ein Executive Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat: http://www.getdiversity.ch

  • Hansli sagt:

    Beziehung ist das wichtigste. Wobei Verwaltungsrat effektiv nur ab einer gewissen Grösse Finanziell interessant ist. Bei kleinen KMU ist die Entschädigung oft kaum mehr als Spesen. Da sind dann eher Ehemalige Mitarbeiter dabei, der Gründer selber etc..

  • Benno L. Tobler sagt:

    Nun braucht es manchmal auch gar keine Qualifikationen, sofern man Parlamentarier ist. Viele Krankenkassen haben offene Türen für Verwaltungsratsmandate für Parlamentarier als Lobbyisten mit unerklärbar hohen Honoraren für ein paar Sitzungen im Jahr, oder ggf. Einsitz als „Experte/Berater“ in Pseudo-Kommissionen. Die Honorare werden letztendlich vom Prämienzahler bezahlt. Was ist diesen Krankenkassen-Parlamentariern gemeinsam? „Wes Brot ich esse, des Lied ich sing.“

  • P.Meier sagt:

    Es ist von Vorteil, wenn man Wirtschaft oder Jura studiert hat, im Golf, Segel und Rotary Club jeden kennt. Auch eine Professur an der Uni kann helfen, in den VR einer Grossen Firma zu kommen. Aber das wichtigste ist, dass man den Aktionären gefällt, weil es sind die Aktionäre die bestimmen, wer VR Mitglied wird und wer nicht.

  • Wipi sagt:

    Die Kommentare sind ja leider eher negativ gefärbt, ich hätte gehofft, dass hier noch etwas Raum für Verbesserung ist. Natürlich glaube ich auch, dass das Netzwerk elementar ist, dennoch glaube ich auch, dass es genügend Beispiele gibt, wo der VR sich für die Firma mit mit vollem Einsatz hergibt – Beispiel SIKA! Ich bleibe somit weiterhin so naiv und hoffe auch das Gute! (zum grössten Teil :-))

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