Bremst der Euro-Anstieg den Aufschwung?

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Warnung vor negativen Auswirkungen eines starken Euro. Foto: AFP

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Warnung vor negativen Auswirkungen eines starken Euro. Foto: AFP

An der Börse sagt man doch, der Trend sei dein Freund: Darum möchte ich auf den weiter steigenden Euro spekulieren, zumal die europäische Wirtschaft in guter Form ist. Ist dies aus Ihrer Sicht riskant? G. R.

Eigentlich wäre alles wunderbar: Europa präsentiert sich konjunkturell in diesen Tagen von der positiven Seite. Das Wachstum der europäischen Wirtschaft lässt sich sehen. Im zweiten Quartal betrug dieses im Vergleich zum Vorjahr immerhin 2,2 Prozent. So stark war das Bruttoinlandprodukt in der Eurozone seit sechs Jahren nicht mehr gewachsen. Zudem zeichnet sich der Aufschwung durch Kontinuität und Robustheit aus. Schon das 17. Quartal in Folge ist die Konjunktur im Euroland auf Wachstumskurs.

Der wichtige Einkaufsmanagerindex lässt erwarten, dass der Aufschwung in Europa anhält. Während Deutschland über 2 Prozent wächst und Spanien gar über 3 Prozent, hinken Frankreich mit 1,8 und Italien mit 1,5 Prozent hinten nach. Die grosse Frage allerdings ist, inwiefern sich die starke Euroaufwertung seit Jahresanfang negativ aufs Wachstum auswirkt. Zuletzt haben auch Mitglieder der Europäischen Zentralbank vor negativen Auswirkungen der deutlichen Euroaufwertung gewarnt.

Gute Aussichten für Deutschland

Während die Schweizer Exportwirtschaft und der Tourismus davon profitieren, dass unsere Währung zum Euro nicht mehr ganz so stark ist, könnte sich der markante Anstieg der europäischen Einheitswährung gegenüber dem Dollar für den Export aus Europa in die USA und nach Asien als Bremsfaktor erweisen. Kurzfristig dürfte dieser Bremseffekt noch nicht sichtbar sein, da viele europäische Unternehmen gut gefüllte Auftragsbücher aufweisen. Sobald der höhere Euro aber voll auf die Preise durchschlägt, sind negative Folgen für den europäischen Export zu erwarten.

Der gestiegene Euro macht Exporte der europäischen Anbieter teurer und beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit der Europäer auf dem Weltmarkt, was sich für die Schweizer Zulieferer für europäische Exportfirmen nachteilig auswirken könnte. In der Vergangenheit kam die deutsche Wirtschaft mit einem zum Dollar festeren Euro zwar gut klar. Weniger optimistisch wäre ich indes für die Exportwirtschaft in Frankreich, Italien oder Spanien.

Was tut Mario Draghi?

Spannend wird es sein, wie nun die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik auf die Euroaufwertung reagiert. Ich gehe davon aus, dass EZB-Chef Mario Draghi weiter verbal vor einem Überschiessen des Eurokurses warnt. Eine Wende der Geldpolitik wäre indes gefährlich – auch nur schon entsprechende Signale, da dadurch der Euro noch mehr Aufwind bekäme, was kaum im Interesse der EZB ist. Dazu kommt, dass die Inflation in der Eurozone weiter zu gering und noch deutlich hinter dem Inflationsziel von rund zwei Prozent entfernt ist.

Wer jetzt auf einen weiter deutlich steigenden Euro spekuliert, muss damit rechnen, dass ihm die EZB einen Strich durch die Rechnung macht. Sollte der Euro nämlich weiter überschiessen, muss sich die EZB ernsthaft Sorgen machen, dass der Aufschwung in der Eurozone mittelfristig an Dynamik verliert, noch bevor die Teuerung so richtig angezogen hat.