Hypothek: Pensionierte ungerecht behandelt

Tragbarkeit von Hypotheken: Das Vermögen der Rentner sollte berücksichtigt werden. Foto: Getty

Tragbarkeit von Hypotheken: Das Vermögen der Rentner sollte berücksichtigt werden. Foto: Getty

Immer wieder ist zu lesen, dass pensionierte Wohneigentümer keine Hypothek mehr erhalten aufgrund der Tragbarkeitsberechnung. Selbst ein Unternehmer, der seinen Kleinbetrieb im Alter von 65 Jahren verkauft und lediglich über eine kleine Pensionskasse verfügt, wird die Tragbarkeitsregeln nicht erfüllen, obwohl er über Vermögen verfügt. Müsste nicht auch das Vermögen berücksichtigt werden? J. Z.

Ja, auf jeden Fall müsste bei der Tragbarkeitsberechnung auch die Vermögenssituation berücksichtigt werden. Die Praxis dazu ist bei den Banken unterschiedlich. Während einige Institute das Vermögen einbeziehen, halten sich andere strikt an die Einnahmen aus AHV- und PK-Rente, was meines Erachtens aber gerade bei vielen KMU kein reales Bild abgibt.

Dafür, dass man das Vermögen bei der Prüfung der Tragbarkeit voll einbezieht, sprechen meines Erachtens zwei Faktoren: Erstens könnte jemand mit dem Vermögen die Hypothek abzahlen oder teilweise amortisieren. Zweitens können Sie sich aus Ihrem Vermögen selbst eine monatliche Rente im Zuge eines Vermögensverzehrs auszahlen lassen. Dann kommen Sie auf weit höhere monatliche Einnahmen.

Einige Banken argumentieren, dass man diesen Vermögensverzehr ja auch stoppen könnte und die monatliche Einnahme so nicht gesichert ist. Doch kann ich diese Überlegung nicht nachvollziehen, da das Vermögen real vorhanden ist.

Offen gesagt, verstehe ich nicht, warum die Banken die attraktive Zielgruppe der Pensionierten so schlecht behandeln. Das Gegenteil sollte der Fall sein: Wenn Sie die demografische Entwicklung anschauen, werden die Pensionierten als Kunden der Banken immer wichtiger. Zudem sind Pensionierte zuverlässige und treue Kunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pensionierter mit einer Hypothek seine Zinsen auf dem Wohneigentum nicht bezahlt, ist gering.

Hypotheken auch für Pensionierte wären für die Banken eigentlich ein gutes und sicheres Geschäft, vorausgesetzt, dass die Belastung auf der Liegenschaft nicht zu hoch ist. Es ist für mich nicht sinnvoll, dass sich viele Banken bei der Vergabe von Hypotheken und der Berechnung der Tragbarkeit so strikt an die 5-Prozent-Zinsregel halten. Faktisch werden oft sogar 6 Prozent angewandt.

Bei der Berechnung werden ein theoretischer Hypozins von 5 Prozent sowie zusätzlich 1 Prozent für die Unterhaltskosten eingesetzt. Da erstaunt es nicht, dass viele Pensionierte die Kriterien der Tragbarkeit nicht mehr erfüllen. Dabei kosten Hypotheken derzeit je nach Laufzeit und Modell lediglich rund 1 Prozent Zins. Selbst wenn die Zinsen irgendwann dann auch bei uns doch wieder mal steigen, was aufgrund der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und der Schweizerischen Nationalbank nicht so rasch passieren dürfte, sind wir noch weit von einem Zinsniveau von 5 Prozent entfernt.

Das Verhalten vieler Banken ist ökonomisch seltsam: Jungen Familien wollen sie wegen der Tragbarkeit keine Hypotheken geben und auch den Pensionierten nicht. Und dies alles mit der Begründung, dass es später allenfalls zu Kreditausfällen und zu einer Bankenkrise kommen könnte. Die diesbezüglichen Warnungen der Nationalbank vor Kreditausfällen bei den Banken und einem Immobiliencrash halte ich ohnehin für scheinheillig: Man sollte sich nämlich kurz überlegen, warum denn seit Jahren ein Boom bei den Immobilien herrscht. Ja, genau, weil die Nationalbank seit Jahren die Zinsen auf einem rekordtiefen Niveau hält – fremdes Geld also praktisch nichts mehr kostet.

Es sind die tiefen Zinsen der Nationalbank, welche massgeblich dazu beitragen, dass so viel Geld in den Immobilienmarkt und übrigens auch in die Aktienmärkte fliesst. Wenn dann die gleichen Institutionen vor einem Crash warnen, wirkt dies irritierend.

Meines Erachtens sollten die Banken ihre Praxis bei der Vergabe von Hypotheken an Pensionierte nochmals überdenken. Rentnerinnen und Rentner sind eine vielversprechende Kundengruppe für die Zukunft, während sich die realen Risiken bei vernünftigen Vergabelimiten für die Banken in engen Grenzen halten, zumal die Kredite durch die Immobilien gedeckt sind.