Einen extrem hohen Zins gibt es nie umsonst

Ein Unternehmen lockt Investoren mit marktunüblichen Ausschüttungen an. Doch dieses Versprechen hat seinen Preis.

Hoch spekulatives Umfeld: Wer in Fintech-Firmen investiert, muss bereit sein, seinen gesamten Einsatz zu verlieren. Foto: Getty Images

Mein Sohn schwärmt von Nexo, einer Firma, die 8 Prozent Zins ausschüttet. Hinter Nexo steckt Credissimo, welche es seit 2007 gibt. Würden Sie 100’000 Franken investieren? Ich bin sehr skeptisch. M.L.

Nexo ist ein Fintech-Unternehmen. Solche Firmen nutzen moderne Technologien, um klassische Geschäftsbereiche im Finanzsektor weiterzuentwickeln, zu verändern, zu erneuern oder näher an die Konsumenten zu bringen. Nexo bietet unkompliziert auf digitalem und voll automatisiertem Weg Kredite an. Man kann Geld in Dollar, Euro oder anderen Währungen beziehen und hinterlegt eine Kryptowährung als Sicherheit.

Gemäss eigenen Angaben hat das Unternehmen mehr als 700 Millionen Dollar für 170’000 Kunden in mehr als 200 Ländern abgewickelt. Überprüfen kann ich das nicht.

Die ebenfalls von Ihnen erwähnte Credissimo ist auch eine Fintech-Firma, die vor 13 Jahren in Bulgarien gegründet wurde und sich einen Namen als Anbieter von Online-Konsumentenkrediten und als Nichtbanken-Finanzierer in Mittel- und Osteuropa gemacht hat.

Damit Nexo Kredite vergeben kann, braucht sie Kapitalgeber. Diesen verspricht sie für das zur Verfügung gestellte Kapital, das man in Euro, Dollar oder britischem Pfund überweist, 8 Prozent Zins pro Jahr. Auch wenn man aus Schweizer Sicht ein Währungsrisiko mitträgt, ist dies in Zeiten von rekordtiefen Zinsen oder sogar Negativzinsen ein sehr hoher Zins, zumal man sonst auf dem Bankkonto derzeit kaum noch Zins erhält. Man bekommt also deutlich mehr Zins, als es der Markt sonst bietet.

Solche attraktiven Konditionen gibt es am Kapitalmarkt allerdings nie kostenlos. Der Preis für einen hohen Zins liegt im deutlich erhöhten Risiko. Nexo selbst stuft das Risiko als recht gering ein und verweist darauf, dass die Geldmittel «jederzeit durch Assets gesicherte Portfolios von überbesicherten Krediten gesichert» seien.

Im Wortlaut erklärt das Nexo so: «Alle Geldmittel, die Sie bei Nexo deponieren, werden für die Finanzierung von neuen Krediten mit Überdeckung und versicherten Kreditsicherheiten genutzt. Einfach gesagt, je 1 Dollar, den wir verleihen, erhalten wir mindestens 2 Dollar an versicherten Kreditsicherheiten, wodurch Ihre Investitionen nahezu risikofrei sind.»

Weiter erläutert das Unternehmen: «Jeder Kredit ist durch eine Depotversicherung in Höhe von 100 Millionen Dollar versichert, die der weltweit führende, geprüfte Vermögensverwalter BitGo und der führende Versicherungskonzern Lloyd’s of London zur Verfügung stellen.» Die Versicherung hilft gegen Schäden infolge Hacking, Passwörtermissbrauch oder Mitarbeiterbetrug. Keine Versicherung hat man als Anleger indes gegen das Anlagerisiko und das eigentliche unternehmerische Risiko.

Man sollte sich vor Augen halten, dass man im schlimmsten Fall seinen gesamten Einsatz verliert.

Diese beiden Risiken stufe ich als hoch ein. Bevor ich auch nur einen Dollar in eine solche Anlagemöglichkeit investieren würde, würde ich mich fragen, wer genau denn für das anvertraute Geld haftet und was konkret passiert, wenn etwas schiefgeht und das Unternehmen allenfalls in Konkurs geht. Auf die gesetzliche Einlagensicherung, wie sie in der Schweiz bei Banken gesetzlich vorgeschrieben ist, können Sie definitiv nicht hoffen, da Nexo weder eine Bank ist noch der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht untersteht.

Ich würde mir auch überlegen, wo genau Sie in einem Krisenfall Ihre rechtlichen Ansprüche geltend machen könnten. Wäre dies in Bulgarien oder sonst wo? Sobald man als Privatanleger grenzüberschreitend Rechtsansprüche gegenüber einer Firma im Ausland anmelden muss, wird es kompliziert und sehr teuer. Man sollte sich somit vor Augen halten, dass man im schlimmsten Fall möglicherweise seinen gesamten Einsatz verliert.

Persönlich bin ich ebenso skeptisch wie Sie: 8 Prozent Zins zahlt Ihnen im aktuellen Tiefzinsumfeld nie jemand einfach nur aus Nächstenliebe – weder ein Fintech- noch ein klassisches Finanzunternehmen. Eine sehr hohe Rendite gibt es nur dann, wenn auch die Risiken deutlich höher sind als bei einer klassischen Anlage.

Bevor man solche Anlagemöglichkeiten nur schon in Erwägung zieht, sollte man nicht in erster Linie den hohen in Aussicht gestellten Zins vor Augen halten, sondern sich genau überlegen, ob man bereit und in der Lage ist, unter Umständen alles zu verlieren.

Solche Anlagen halte ich für hoch spekulativ. Ich selbst würde trotz schönem Zins sicher nicht investieren.

3 Kommentare zu «Einen extrem hohen Zins gibt es nie umsonst»

  • Johnny sagt:

    Kein Individuum mit mehr als noch einer funktionierenden Gehirnzelle kauft so was.

  • Alain Surlemur sagt:

    Würde dieses Geschäftsmodell funktionieren würden sich die Banken darauf stürzen. Tönt eher nach einem Schneeballsystem. Oder aber die „Kreditnehmer“ hinterlegen wertlose „Sicherheiten“ und haben gar nicht die Absicht das zurückzuzahlen.

  • Andrew sagt:

    Wenn Nexo den Kapitalgebern 8% Zinsen zahlt, wieviel Zinsen zahlen dann die Kunden von Nexo? Und wieso zahlen diese soviel, wenn sie an anderen Orten nahezu nichts bezahlen müssten. Dies kann eigentlich nur bedeuten, dass die vergebenen Kredite höchst riskant sind und auf Grund des hohen Zinses also das Risiko auf diese Kapitalgeber übertragen wird.

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