Grand Tour de Schland

Beim Städte-Familienfest gewinnt das deutsche Essen den Sympathiebonus.

ich hab dich ja kürzlich besucht. «Wie jetzt, den Wüstling im Ruhrpott?!», wird die werte Bund-Leserschaft jetzt wahrscheinlich ausrufen. Nun ja. Auf meiner Ferienreise quer durch den 27. Kanton habe ich eine veritable Grand Tour de Schland hingelegt und in Augsburg, Heidelberg, Trier, Hamburg, Lübeck, Stralsund und eben in dir Halt gemacht.

Die anderen Städte sind alle wahnsinnig malerisch, idyllisch, romantisch, backsteingotisch, amphietheatrig, hafenpromenadig schön. Dich hingegen hat man im Krieg übel rangenommen und dann beim Wiederaufbau geschlampt. Richtig kriminell geschlampt. «Einkaufsstadt» nennst du dich, wobei deine Beton-Konsumtempel seelenloser nicht sein könnten. Ausserdem hingen früher, als die ganzen Bergbauanlagen noch in Betrieb waren, stets ein Geruch von faulen Eiern und Wolken von Russ über dir. Alles in allem sind das tatsächlich nicht die besten Voraussetzungen, um ein Schönheitsköniginnenkrönchen abzuholen.

Aber mit dir ist es so wie mit Kindern, liebes Essen: Die hässlichen hat man doch besonders lieb, und ausserdem brauchen sie mehr Zuneigung, weil sie ständig gemobbt werden. Wobei ich ja nie verstanden habe, was an Mobbing so schlimm sein soll, denn 9 von 10 findens ja jeweils lustig.

Aber ich schweife ab. Vielmehr will ich doch eine Lanze für dich brechen. Würde man ein Städte-Familienfest abhalten, dann wäre Augsburg der dicke Onkel, der einen abenteuerlichen Dialekt spricht, ein Blech Zwetschgenkuchen alleine verdrückt und mit allen Puppen in die Kiste will. Heidelberg wäre der Cousin, ein properer Literaturstudent, der gerne gescheit schwatzt, nach dem dritten Bier strunzblau ist und mit den Worten «Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust» versucht, die Servierdüse anzugraben.

Trier ist die Urgrossmutter, eine emeritierte Professorin für römische Geschichte, die gerne Schnürsandalen trägt und nach einem halben Glas Moselriesling am Tisch einschläft. Hamburg ist die dicke Mutter, die gerne Korn kippt und jeden ungefragt an ihren wogenden Busen drückt, auf dem ein schlecht tätowierter Anker prangert. Lübeck ist der hagere Grossonkel, der viel Fisch isst, eine gesunde Sonnenbräune und blitzblankweisse Zähne hat und um halb 10 ins Bett will. Stralsund ist die lustige Tante, die sich am Gratis-Buffet richtig doll die Wampe vollschlägt, weil sie normalerweise immer etwas knapp bei Kasse ist, und noch vor dem Dessert in ein Fresskoma fällt.

Und du, Essen, du bist der Bruder. Einer, über dessen Bauch ein altes Shirt irgendeiner Metal-Band spannt. Deine Haare sind eigentlich zu schütter, um noch lang getragen zu werden. Du bist laut und polterst gerne, aber mit Herz, kannst als Einziger bei Hamburgs Korn-Kipp-Kadenz mithalten und sagst zu Heidelberg das, was alle denken, nämlich dass dieser ein schöngeistiger Schwafler sei und doch endlich mal die Klappe halten solle.

Es ist dir scheissegal, wenn andere über dein Aussehen herziehen, und du lachst selber am lautesten über Witze, die auf deine Kosten gehen. Ausserdem bist du der, der keinen hängen lässt. Du hast keine Scheu davor, dir die Hände schmutzig zu machen, und kannst auch in volltrunkenem Zustand alle Maschinen dieser Welt reparieren.

Und während Stralsund, Heidelberg, Trier, Lübeck und Augsburg schon lange in den Federn leise vor sich hinschnarchen und Hamburg in der lokalen Bluttstube* noch ihr Glück sucht, kann man mit dir beim Absacker in der Pommesbude nebenan noch leidenschaftlich über Fussball streiten.

Ach Essen. Du bist eine ehrliche Haut, und ich mag dich sehr. Einfach das mit der Frisur müsste man dann vielleicht doch mal noch diskutieren. Glück auf!

Deine Frau Feuz ist freie Kulturjournalistin, entschuldigt sich für den grottigen Mobbing-Witz und empfiehlt allen einen Besuch des Unesco-Welterbes Zeche Zollverein in Essen. Wo der Chef jeweils seinen Absacker trinkt, ist nicht bekannt, weil andere Zeche.

* Eine Bluttstube ist ein Strip-Club.