Im Funkloch

Poller-Kolumnist Martin Erdmann will sich von der modernen Telefonie verabschieden. Aber das ist gar nicht so einfach.

Es liegt in der Natur des Fehlers, dass er sich erst dann bemerkbar macht, wenn es zu spät ist. So stellte ich erst am Bahnhof fest, dass ich mein Handy zu Hause hatte liegen lassen. Das kam ungünstig. Denn so war es mir nicht möglich, in nützlicher Frist zu erfahren, dass die Person, mit der ich verabredet war, wegen unglücklicher Fügung im Eisenbahngewerbe mit erheblicher Verspätung den abgemachten Treffpunkt erreichen würde.

So stand ich am Bahnhof und sah mich ohne Handy jeglichen Handlungsspielraums beraubt. Ich fühlte mich wie ein Randständiger der digitalen Gesellschaft, als Geächteter der modernen Welt. Zu einem Treffen kam es nicht mehr.

Völlig abgeschottet von den Errungenschaften der fortgeschrittenen Telekommunikation schlich ich nach Hause. Ich versuchte mich zu erinnern, ob die Abwicklung einer Verabredung vor der Markteinführung des Mobiltelefons ohne Durchführung einer tiefschürfenden Machbarkeitsstudie überhaupt als realistisch betrachtet wurde.

Bei eingehender Analyse des Weltgeschehens ist mir jedoch aufgefallen, dass es in der Vergangenheit gewissen Personen tatsächlich gelungen ist, sich nach Vereinbarung von Zeit und Ort gleichzeitig am abgemachten Treffpunkt einzufinden. Als Beweise dafür können zum Beispiel der Friedensvertrag von Versailles (1919) oder die Fussball-Weltmeisterschaft in Uruguay (1930) dienen.

Dadurch bin ich zu einer unangenehmen Einsicht erlangt. Ich bin zu einem kümmerlichen Wesen verkommen, dass ohne moderne Telefonie nicht mehr in der Lage ist, auf unerwartete Einflüsse des Lebens zu reagieren. Um diesen Prozess zu stoppen, denke ich über einen telekommunikativen Rückbau nach.

Ich kann mir gut vorstellen, mein Handy einstampfen zu lassen und dafür eine stationäre Funkanlage in ein angemietetes Kellerabteil zu stellen. Ich werde es Funkloch nennen. Im Raum steht lediglich ein klappriger Holztisch, der unter dem Gewicht eines unzerstörbaren Standfunkgeräts ächzt, das in den 70er-Jahren von der US-Marine ehrenhaft in Rente geschickt wurde und über einen gewieften Trödelhändler den Weg zu mir fand.

Der Raum wird einzig von einer roten Kerze erhellt, die in einer leeren Korbflasche steckt und dann und wann dicke Wachstropfen in die tiefen Furchen des Tischchens fallen lässt. Daneben steht ein überquellender Aschenbecher, gefüllt mit filterlosen Zigaretten aus französischer Manufaktur. Dort soll ich von nun an meine Tage verbringen, während der Empfänger das einsame Rauschen der weiten Welt in das verqualmte Kellerabteil fliessen lässt.

Schade, werde ich diesen Plan nie umsetzen. Denn wie ich feststellen musste, ist Funken staatlich streng reguliert. Um sich Amateurfunker nennen zu dürfen, muss beim Bundesamt für Kommunikation sogar eine happige Prüfung abgelegt werden. Da für mein Handy noch kein Fähigkeitsausweis verlangt wird, lasse ich es vielleicht doch noch nicht gleich einstampfen.

Der «Bund»-Redaktor verabschiedet sich nun in Funksprache bei Ihnen: QRT.