Füsse Lutschen

Frau Feuz beklagt Fantasielosigkeit in der Glace-Industrie und findet trotzdem, dass früher nicht alles besser war.

 

Nachbar durchs Loch in der Küchendecke: Feuz, es ist verdächtig still bei dir unten. Was treibst du?
Frau Feuz: Ich lutsche, hihi.
Nachbar: Au man Feuz, wann wirst du endlich erwachsen? Woran lutschst du?
Frau Feuz: An einem Fuss.
Nachbar: Bist du unter die Fetischistinnen gegangen?!
Frau Feuz: Ach was. Ich hab bei Lusso Eldorado angerufen und gesagt, dass ich jetzt gerne die ganzen Plattfuss-Glaces einziehen möchte, die ich in den 80er-Jahren nicht essen konnte. Ich habe Anspruch auf diese Leistung, denn wenn ich sehe, wie phantasielos die Glace-Industrie zu Gange geht, dann darf es keine Geschenke geben an diesen Wirtschafts-Zweig.
Nachbar: Hör auf zu blochern, Feuz.
Frau Feuz: Aber ist doch wahr. in den 80er-Jahren gabs am Kiosk im Strandbad von Brienz Banana Joe, Supercola, Schlumpfkopf, Napoli, Vampir, Mach 1, Finger und eben den rosa Plattfuss. Heute gibt’s überall nur noch Magnum. Magnum in einer Million Geschmacksrichtungen, eine unleckbarer als die andere. Ich mein: «Double Mochaccino», weiss doch keine Sau, wie man das überhaupt ausspricht. «Magnum Mini», Widerspruch, kennsch? «Magnum Ruby», Schokolade in altrosa, pfff. James Bond würde sich im Grabe umdrehen.
Nachbar: Was hat denn 007 damit zu tun?
Frau Feuz: Der hat Magnum quasi erfunden. In den 1960er Jahre wurde Bond-Darsteller Roger Moore in einem Interview gefragt, welche Persönlichkeit er gerne treffen würde, um ihr eine Frage zu stellen. Daraufhin sagte Moore, er möchte vom lokalen Eishersteller wissen, warum dieser nicht Vanille-Eis mit Schokolade überziehe. Andere Leute hätten vielleicht lieber mit Gandhi oder Jesus gesprochen, aber 007 weiss eben, was wirklich zählt im Leben.
Nachbar: Moment. Das Interview war in den 1960ern? Die Magnum-Glace wurde aber erst 1989 lanciert.

Frau Feuz: Ach. Jeder Prototyp muss erst markttauglich gemacht werden. Apropos markttauglich: Mich erstaunt ja, dass es den Doppellutscher immer noch gibt, die Wasserglace Twinni mit zwei Stängeln drin. Erfunden wurde die ja während der grossen Depression in Amerika. Das machte damals Sinn, weil man quasi zwei für eins bekam. Aber stell dir mal vor: Da leckst du genüsslich an einer Seite, während gleichzeitig zwei Zentimeter vor deinem Gesicht eine andere Zunge herumfurwerkt. So eine Art Distanz-Zungenküssen ist das doch. Ganz furchtbar. Zumal man höchstwahrscheinlich ja auch noch verwandt ist mit der Zunge vis-à-vis, weil Twinnis ja gerne für Geschwistern gekauft werden. Jenseits. Da lutsch ich also lieber Füsse.
Nachbar: Hast du übrigens gehört, dass derzeit diskutiert wird, ob man Winnetou- und Sioux-Glaces umbenennen müsste?
Frau Feuz: Scheint mir übers Ziel hinausgeschossen, aber wäre grundsätzlich auch kein Beinbruch. Namensänderungen gab’s doch immer schon. Twix hiess früher Raider, Salt hiess Orange, das Happy Meal hiess Junior-Tüte und SRF hiess DRS. Ist irgendjemand gestorben, als das alles umbenannt wurde? Eben.
Nachbar: Du machst es dir aber einfach, Feuz.
Frau Feuz: Und wieso sollte ich das nicht tun?! Dinge verändern sich. Unsere Welt verändert sich. Wieso sollte sich also Sprachen nicht verändern? Und komm mir jetzt bloss nicht mit «früher war alles besser». Die Glace-Karte im Strandbad Brienz war es vielleicht. Aber sonst?! Zum Teufel mit Gewohnheit und Nostalgie, gopf****** nomau!
Nachbar: Herrjeh, was ist denn in dich gefahren, Feuz?
Frau Feuz: Zahnweh. Zu viele Füsse gelutscht.

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und leckt nicht an der gleichen Twinni-Glace wie der Chef. Wenn ein Begriff von einem Teil unserer Gesellschaft als verletzend empfunden wird und besagter Begriff auf eine rassistische Tradition verweist, gehört er geändert, findet Frau Feuz. Ob dies im Falle der Wasser-Glacés Winnetou und Sioux zutrifft, sei dahingestellt.

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