Widerwillige Feriengrüsse

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erklärt, wieso es mühsam ist, Freunde zu haben, und wie man eine Postkarte schreibt.


Mein aktuelles Anstellungsverhältnis lässt es zu, dass ich die Büroräumlichkeiten sporadisch verlassen darf. Manchmal erstreckt sich diese Zeitspanne sogar über mehrere Wochen. Arbeitsrechtler sprechen dabei von Ferien, und ausgerechnet in solchen befinde ich mich momentan. Das mag zunächst erhellend klingen, ist es aber nicht. Die Sachlage ist kompliziert.

Sie müssen wissen: Ich bin einst zufällig und völlig unbeabsichtigt in soziale Verbindungen hineingerutscht, die in freundschaftsähnliche Verhältnissen gemündet haben. Allgemeingültige gesellschaftliche Konventionen verlangen es nun, dass ich jenen Menschen, mit denen ich private Kontakte pflege, Mitteilungen aus meiner Ferienresidenz zukommen lasse. Diese Art der Kommunikation wurde postamtlich erstmals am 1. Oktober 1889 in Österreich-Ungarn eingeführt und als «Correspondenzkarte» bezeichnet. Heute sprechen wir von Postkarten.

Jeder normale Mensch verbringt seine Ferien mit Nichtstun. Weil dies ungemein viel Zeit in Anspruch nimmt, fällt jede zusätzliche Belastung mit vielfachem Gewicht auf den Buckel der Feriennehmenden. Die Postkarte wird deshalb zum Amboss, der unausweichlich auf jeden Urlaub hinabstürzt.

Da ich versehentlich schon mehrmals in den Ferien war, weiss ich einiges über den Umgang mit Postkarten zu berichten. In die Motivwahl sollte möglichst wenig Zeit investiert werden. Denn die Postkartenindustrie stellt sowieso nur vier Sujets her: Gebirgsmassiv mit dazugehörigem Bergsee, Skyline bei Nacht, Sandstrand bei Sonnenuntergang, Sandstrand bei Sonnenuntergang begleitet von Bikinigirl mit Cindy-Crawford-Frisur anno 1988.

Die Postkarte ist ein indiskretes Kommunikationsmittel. Deshalb eignet sie sich nicht dafür, Insidergeschäfte, Mordkomplotte oder Putschversuche einzufädeln. Der Inhalt soll oberflächlich bleiben und vor allem den Ferienverlauf möglichst positiv darstellen. Denn wird dem Korrespondenzpartner offenbar, dass man es nicht einmal hinbekommt, schöne Ferien zu haben, könnte das an der eigenen menschlichen Integrität kratzen.

Empfehlenswerte Sätze: Das Wetter ist sehr schön. Oder: Die Einheimischen sind so nett. Und natürlich: Das Essen ist ein Traum. Auf diese Formulierungen sollte hingegen verzichtet werden: Auto wurde von Schlammlawine erfasst, beide Beine gebrochen. Oder: In Seitenstrasse ausgeraubt, Stichwunde in der Brust, die Ärzte sind skeptisch. Und natürlich: Meeresfrüchte nicht verdaut, Nacht auf Toilettenboden zwischen Bidet und Kloschüssel verbracht.

Und nun zum wichtigsten Teil: Es gehört penibelst darauf geachtet, dass die Karten auf keinen Fall in einen Briefkasten eingeworfen werden, sondern irgendwo in einer Ecke der Ferienresidenz unfrankiert liegen bleiben. Dadurch werden sie niemals die Adressaten erreichen, wodurch diese wegen Nichteinhaltens allgemeingültiger gesellschaftlicher Konventionen den freundschaftlichen Status aufheben, wodurch man in den nächsten Ferien endlich Zeit hat, um unbegrenzt nichts zu tun.

Der «Bund»-Redaktor nutzt diese Zeilen, um all seinen privaten Bekanntschaften sonnige Grüsse zukommen zu lassen.