Zum Abschied errötete – mein Hals

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler staunt, wie rasch wir den nonfiktionalen Serienhelden Daniel Koch ins Herz geschlossen haben.

Wer am TV über längere Zeit eine Serie schaut, kennt die Akteure gut. Und Zeit für einen ausgiebigeren Fernsehkonsum hatten wir in den letzten Wochen zweifellos. Wenn uns auf der Strasse eine Figur aus dieser Serie begegnen würde, fiele uns der echte Name nicht ein, aber ihr Filmname wäre uns geläufig. Wir wären enttäuscht, wenn der Star bei unserem Anblick nicht in strahlendes Lachen ausbräche, wo wir uns doch so gut kennen.

In der Non-Fiction-Fernsehwelt gibt es ebenfalls Serienhelden, etwa die Moderatorin der «Tagesschau». Oder diesen Mann vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), den vor kurzem niemand kannte. Dann sah man ihn täglich bei der Orientierung über die Corona-Pandemie. Ich sags nicht gern, was ich dachte, als ich den kahlköpfigen, ernst dreinblickenden Abteilungsleiter zum ersten Mal sah: «Der hat schon alle Krankheiten gehabt, denen sie im BAG nachstudieren.» Kein edler Gedanke, fürwahr, und ich bin nicht stolz darauf.

Denn bald zeigte sich, dass dieser Mann mit der ruhigen Art stets das richtige Wort zur richtigen Zeit sprach, mit Engelsgeduld Fakten rekapitulierte und Irrtümer richtigstellte. Daniel Koch wurde zu einem (Non-Fiction)-Serienhelden und guten Bekannten, von dem wir überzeugt sind, dass er unseren Namen kennt. Auch die Unterstellung, dass er im BAG-Palazzo bisher eine ruhige Kugel geschoben habe, verschwand im Lästermaul-Giftschränklein, denn jetzt war er omnipräsent. Nicht einmal regulär in Pension gehen durfte er, weil er dann, wenn andere «ausplampen» und Zählstrichlein an die Bürowand malen, vollauf gefordert war.

So ernsthaft er herüberkam, gab er doch Anlass zum Lachen. Als er vor Wochen ankündigte, dass die Aare im Sommer «bebadbar» sein werde, hielten alle Deutschlehrer den Atem an, und in der Duden-Redaktion legten sie ein Karteikärtchen an: «bebadbar», (schweiz., mundartl., ironisch) für «zum Baden geeignet». Und was macht dieser ernsthafte Serienheld jetzt, da er tatsächlich pensioniert ist? Er verabschiedet sich mit einem Scherz, in dem er beweist, dass die Aare tatsächlich «bebadbar» ist. Und so, wie sich Forscher früher unerprobte Heilpräparate spritzten, um ihre Wirkung zu testen, watet Daniel Koch – im Anzug (über der Neopren-Haut)! – ins kühle Aare-Wasser. Wers nicht selbst gesehen hat, glaubts nicht.

Meine Vorbehalte gegenüber dem TaliBAG, wie ich es einst bezeichnete, muss ich relativieren. Da lag ich unlängst in einem Solarium auf der Liege. Während der Ventilator rauschte, erinnerte ich mich an die BAG-Kampagne wegen der Solarien, die dringend einer Regulierung bedürften – überflüssigerweise, wie ich fand. Abends entdeckte ich beim Blick in den Badezimmerspiegel gerötete Stellen an meinem Hals. Okay, Herr Koch, ich habe auch diese Botschaft verstanden.

Der bescheidene «Bund»-Redaktor trägt seinen einzigen guten Anzug nicht in der Aare, so bebadbar sie auch sein mag.