Seuchenpfuhl in der Armbeuge

Poller-Kolumnist Martin Erdmann schimpft über die Natur und erwägt drastische Massnahmen, um die Menschheit zu retten.

 

Als passionierter Stadtmensch reagiert mein Körper mit verächtlicher Abscheu gegen jegliches Aufbegehren der Natur. Momentan hat er besonders zu speien. Gräser, Blumen und andere florale Auswüchse, die dem städtischen Asphaltteppich den Platz streitig machen, erfreuen sich gerade neuen Lebens, was mein Immunsystem dazu veranlasst, die Blutgefässe in der Bindehaut anschwellen und die Nasenschleimhäute fluten zu lassen. In Fachkreisen wird von pollenbedingter allergischer Rhinitis gesprochen. Der Pöbel sagt Heuschnupfen.

Bisher habe ich dieses Leiden wie einen Orden für einen besonders urbanen Lebensstil getragen. Doch die Pandemie hat alles verändert. Plötzlich wird Heuschnupfen nicht mehr als bohèmisches Accessoire des weltstädtischen Lebemenschen verstanden, sondern mit ersten Anzeichen des baldigen Ablebens verwechselt. Es ist wegen des Niesens. Damit ist nicht etwa der Berg im Berner Oberland gemeint, sondern das explosionsartige Ausstossen von Luft durch die Nase – ein häufiges Mitbringsel von Heuschnupfen. Das Problem dabei: Weil das Immunsystem meine Nasenschleimhäute fluten liess, wird durch den Luftzug reichlich Nasensekret mit bis zu 180 Kilometer pro Stunde der Aussenwelt entgegengeschleudert. Es ist etwa so, als würde man einen leistungsstarken Industrieventilator hinter einen Wasserfall stellen.

Dieser Umstand stellt mich nun im öffentlichen Raum unter Generalverdacht. Denn besonders während einer Pandemie gehört es sich nicht, seine Tröpfchen der Allgemeinheit näherzubringen. Deshalb wird schon seit Jahrhunderten daran getüftelt, wie das verhindert werden kann. Während der Pest wurde bei Niesern auf religiöse Schutzformeln wie «Gott helfe!» zurückgegriffen. Weil der gewünschte Effekt nicht zufriedenstellend war, wurde auf ein mehr wissenschaftliches Mittel zurückgegriffen. Dieses bestand darin, sich während des Niesens die Hand vor den Mund zu halten. Jedoch ist die Forschung in den vergangenen Jahren oberhalb der Hände auf eine noch geeignetere Stelle gestossen, um Nasensekret abzulagern. Der moderne Mensch niest heute in die Armbeuge.

Wegen anhaltender Trockenheit war die Pollendichte in den letzten Wochen so hoch, dass die Niederschlagsmenge in meine Armbeugen höher war als die Messungen in der ganzen Schweiz während der vergangenen zwei Monate. Deshalb zweifle ich daran, dass es epidemiologisch noch vertretbar ist, mit solchen potenziellen Seuchenpfuhlen in den Innenseiten der Armgelenke den öffentlichen Raum zu betreten. Für die Gesundheit des Volkes wäre es wohl am besten, wenn ich künftig auf das Niesen verzichten würde. Der Haken dabei: Wenn Nieser gewaltsam unterdrückt werden, kann das im schlimmsten Fall tödlich enden.

Sollte das eintreten, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich als jenen Helden in Erinnerung behalten würden, der sein Leben dem Fortbestand der Menschheit geopfert hat.

1 Kommentar zu «Seuchenpfuhl in der Armbeuge»

  • Madeleine Obrecht Bösiger sagt:

    Selten so gelacht! Ich danke herzlich dem Autor! Gesundheit!!
    Freundlichst grüsst
    Madeleine Obrecht Bösiger

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