Die Rivella-Martinetti-Selbstoptimierung

Frau Feuz optimiert sich in der Corona-Quarantäne selber. Oder eben auch nicht.

«Feuz, wo steckst du? Bist du etwa auch gerade dabei, dich zur eierlegenden Wollmilchsau zu optimieren?», brüllte kürzlich der Nachbar durchs Loch in der Küchendecke. Sie erinnern sich, werte Leserschaft: Eine Druckluftflasche auf Abwegen sorgte für die bauliche Erweiterung von Frau Feuz’ Wohnraum.

Frau Feuz: Ich liege auf dem Sofa, trinke Rivella Martinetti und guck mir eine Enzyklopädie mit Pflanzen, Tieren und anderem Gesocks an. Da lachst du dir einen Schranz. Ich mein: Hast du schon mal einen Sargassum-Anglerfisch aus der Nähe studiert? Sieht aus wie etwas, das explodiert ist, nachdem es mindestens schon drei Jahre abgelaufen war. Aber sag mal, was bitte schön hast du gegen eierlegende Wollmilchsäue? Das sind doch wahnsinnig praktische Tiere. Einmal kräftig schütteln, und schon hast du Teig für Omeletten. Schlauchpilz, Schlauch, hihi. Peitschenwurm, haha.

Nachbar: Au Mann, Feuz, du und dein pubertärer Humor. Jetzt leg doch mal diese Enzyklopädie weg. Du lernst also nicht Japanisch, meditierst dich ins Nirwana, mahlst eigenhändig glutenfreies Mehl, pinselst wie Beltracchi oder kochst wie Caminada?

FF: Ach was. Ich optimiere höchstens meinen hauseigenen Zoo. Mein innerer Schweinehund zum Beispiel führt derzeit ein fantastisches Leben. Und die Hautflora jubiliert, weil sie nicht ständig unter der Dusche um die Hälfte dezimiert wird. Spitzhörnchen, kicher.

NB: Feuz, konzentrier dich, wenn ich mit dir rede. Die ganze Welt nützt die Zeit während der Corona-Quarantäne sinnvoll, um Geist, Seele und Körper zu optimieren, und du liegst auf dem Sofa, säufst obskure Mischgetränke und schaust dir bescheuerte Tiere an?!

FF: Ja und?! Wie genau hat Newton die Gravitation entdeckt? Eben. Im Liegen. Ausserdem: Hast du schon mal Indische Ochsenfrösche oder einen Pavianhintern begutachtet? Da ist Gott garantiert auch nicht vom Sofa aufgestanden, als er die geschaffen hat. Im Liegen hat man grosse Visionen und kann am besten über die richtig wichtigen Fragen des Lebens nachdenken, wie zum Beispiel: Hat ein Maulwurf irgendeinmal fertig gebuddelt? Wer feilt dem Kurzkrallenotter die Nägel in Zeiten von Corona? Und: In welcher Farbe läuft ein Schlumpf an, wenn man ihn würgt?

NB: Feuz, du bist doof.

FF: Das ist ja nun auch nichts Neues.

NB: Hast du nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, weil du die Zeit nicht sinnvoll nützt?

FF: Was heisst hier bitte schön nicht sinnvoll?! Immerhin schone ich die Umwelt, weil ich weniger Kleider wasche. Unterhosen kann man zu Hause ja problemlos zwei Wochen am Stück tragen, bevor man sie wendet und dann noch mal zwei Wochen trägt. Zudem mach ich Performance-Kunst und stell Klassiker aus der Filmgeschichte nach: Dirty Feuz, Ein Schweinchen namens Feuz, My Big Fat Feuz, meine Haare sind das Dschungelbuch, die Unterhose The Dark Knight und meine Füsse Men in Black.

NB: Ach Feuz. Bleibt bloss zu hoffen, dass diese Corona-Quarantäne keine unendliche Geschichte wird.

FF: Ach was, da mach dir mal keine Sorgen. Terminator Berset wirds schon richten, zumal Ware aus China ja noch nie ewig gehalten hat. Lass mal den Kopf nicht hängen, schenk dir besser einen Rivella Martinetti ein, und ich les dir bisschen was aus meiner Enzyklopädie vor, ja?

NB: Also gut.

FF: Eines Nachts ging die Nacktschwanz-Wollbeutelratte, hihi, unter einem dicken Mondfisch am weiten Sternenhimmel-Strudelwurm, höhö, spazieren und traf dabei auf einen Schlitzrüssler, gacker.

NB: Feuz, das steht da nicht. Solche Tiere gibts nicht.

FF: Sagt der, der von eilerlegenden Wollmilchsäuen redet, he?!

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und findet die in den sozialen Medien zur Schau gestellte Selbstoptimierung, nun ja, fragwürdig. Für einen Rivella Martinetti (erfunden während eines Skype-Apéros) mische man Rivella mit Martini und singe dann «ai ai ai». Die 848-seitige Enzyklopädie «Die Natur» ist der wohl beste Zeitvertreib überhaupt. Ob der Chef auch so eine hat, ist unklar, weil er in einem anderen Haushalt quarantänt.

1 Kommentar zu «Die Rivella-Martinetti-Selbstoptimierung»

  • Nina sagt:

    So schön, es leiden noch andere an Corona-Verwahrläusebefall. Da fühl ich mich doch gleich noch weniger alleine. 🙂

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