Keine Zeit für Ausreden

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann leidet unter Erfolgsdruck und nervt sich über Typen wie William Shakespeare.


Falls Sie diesen Text lesen, muss der Grad Ihrer Verwahrlosung weit fortgeschritten sein. Hätten Sie Ihr Leben noch einigermassen im Griff, würden Sie Ihre kostbare Zeit wohl kaum für die Lektüre dieser Kolumne verschwenden. Vermutlich vegetieren Sie gerade auf einem Sofa herum, das Sie in den letzten Wochen komplett durchgesessen haben. Die Tragdauer Ihrer Unterwäsche hat sämtliche Hygienestandards längst unterschritten. Irgendwo in Ihrer Wohnung liegen Teller, auf denen schimmlige Essensreste beginnen, Krusten zu bilden. Und in Ihrem Unterbewusstsein liegt der einst so prickelnde Gedanke beerdigt, die zusätzliche Zeit, die der Lockdown schenkt, lasse sich für die Optimierung Ihres Selbst nutzen.

Ich will Sie nicht verurteilen. Im Gegenteil. Ich fühle mit Ihnen. Zu viel Zeit zu haben, ist eine schreckliche Bürde. Sie beraubt einem jeglicher Ausrede, um Vorhaben fallen zu lassen, Pläne zu wegzuwerfen oder Aufgaben nur halbherzig zu erledigen. Der zeitliche Überfluss kommt beinahe einer Verpflichtung gleich, alles perfekt zu machen. Der daraus entstehende Druck ist kaum zu ertragen. Gerade beim Schreiben dieser Kolumne lastet er wie Blei auf meinen Fingern.

Leute wie Isaac Newton verbessern diese Situation nicht. Jüngere Leser werden sich wohl nicht mehr an ihn erinnern. Er war der Typ, der entdeckte, weshalb wir nicht dauernd ins Weltall herausgeschleudert werden. Das war 1665. England mühte sich mit der Pest ab, weshalb Newton von der Universität Cambridge zu Homeoffice verdonnert wurde. Weil es damals kein Netflix gab, begründete er während seiner zweijährigen Quarantäne die moderne Physik. Und ich? Ich weiss nicht recht, was ich schreiben soll.

William Shakespeare ist ebenfalls keine Hilfe. Jüngere Leser kennen ihn als Autor jener Bücher, die in den Klassenzimmern dieser Welt bis zum heutigen Tag auf breite Abneigung stossen. Weil die Pest im 17. Jahrhundert so etwas wie Englands Markenzeichen war, hatte auch Shakespeare reichlich Freizeit. Denn die Seuche bewirkte nicht nur die Schliessung sämtlicher Bordelle und Bärenkampf-Arenen, auch die Theater wurden dicht gemacht. Gerade deswegen befand sich der Dramatiker im Lockdown-Modus. Weil zu diesem Zeitpunkt die Erfindung des Video-Gruppenchats erst noch bevorstand, setzte sich Shakespeare hin und verfasste Werke wie Othello oder König Lear. Und ich? Ich weiss nicht so recht, was ich schreiben soll.

Der Schlimmste von allen ist Immanuel Kant, ein ostpreussischer Stubenhocker aus Überzeugung. Seine Heimatstadt Königsberg hat der berühmte Philosoph kaum einmal verlassen. Für diesen Entscheid bedurfte es nicht einmal einer Pestepidemie. Kant stellte sich gänzlich ohne tödliche Androhungen der Natur unter Selbstisolation. Weil es damals noch keine Online-Games gab, die er mit seinen Nerd-Freunden hätte tagelang spielen können, hatte er oft nichts zu tun. Dabei kam er einmal auf den revolutionären Gedanken, dass es doch ganz ok sein könnte, wenn alle etwas netter zueinander wären. Und ich? Ich weiss nicht so recht was ich schreiben soll.