Arg gebeutelt

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann probiert, Ihnen durch die Coronakrise zu helfen, und kommt dabei etwas vom Thema ab. 

Angesichts der momentanen Befindlichkeit des Landes sehe ich es als meine Pflicht, diese Kolumne so positiv wie nur irgendwie möglich zu gestalten. Während der folgenden Zeilen werde ich Ihr Krisenkumpel sein, Ihnen ungeahnte Motivationsschübe verleihen und Durchhalteparolen ins Ohr flüstern, bis Sie dem Leben da draussen wieder mit hoffnungsvoller Wärme im Herzen entgegentreten können. Das war der ursprüngliche Plan. Dann habe ich gemerkt, dass das angesichts der herrschenden Umstände eine ziemlich komplizierte Aufgabe ist. Also habe ich das gemacht, was jeder normale Mensch tut, wenn er mit einer anspruchsvollen Herausforderung konfrontiert wird: bedingungslos aufgeben.

Weil Scheitern ein unangenehmes Gefühl ist, suchte ich sofortige Ablenkung. Doch seit die Welt stillsteht, ist Zerstreuung Mangelware. Ich suchte in den hintersten Winkeln des Internets nach noch unentdeckter Unterhaltung und wurde tatsächlich fündig. Ich stiess auf das Hörbuch zur Biografie vom deutschen Schauspieler und Komiker Mike Krüger. Nicht meine erste Wahl, doch in Zeiten des Notstands muss man Kulanz walten lassen.

8 Stunden und 14 Minuten später war ich mit dem Hörbuch durch. Dabei habe ich sogar etwas gelernt. Am 18. Mai 1951 wurde in der südschwedischen Stadt Lund der Öffentlichkeit das erste Tetrapak für Milch vorgestellt. Da ich Mike Krügers überraschend unterhaltsame Biografie schon abgeschlossen hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir Gedanken über die Verpackungsformen von Milch zu machen. Ich glaubte, mich dunkel daran erinnern zu können, dass diese einst in Beuteln verkauft wurde. Umfangreiche Recherchen sollten meinem Gedächtnis recht geben. 1993 erlebte die sogenannte Schlauchbeutelmilch in der Schweiz gar einen regelrechten Boom. Beinahe jeder dritte Liter Frischmilch wurde in dieser Verpackung verkauft.

Dadurch hat sich die Beutelmilch rasend schnell in Schweizer Kühlschränken ausgebreitet. Dabei wurde von Anfang an eine Gefahr unterschätzt. Die dünne Polyethylen-Verpackung konnte nicht verhindern, dass die Milch in manchen Fällen aus dieser ausbrach. Weil den Haushalten die Kapazität für umfassende Kontrollen fehlten, wurden solche Ausbrüche meist erst nach 2 bis 14 Stunden festgestellt. Da war es aber schon zu spät. Im Kühlschrank ist es bereits zur Kontamination gekommen, das betroffene Fach verwandelte sich in eine weisse Zone. Das war besonders für jene Lebensmittelgruppen gefährlich, deren Verpackung kaum Resistenz gegen äussere Einflüsse bot. Zum Beispiel Landjäger oder halbherzig wieder eingepackter Weichkäse.

Es waren harte Zeiten, die einschneidende Massnahmen verlangten. Aus präventiven Gründen wurden Milchbeutel entweder in einem separaten Fach isoliert oder mindestens zwei Landjägerlängen vom restlichen Kühlschranksortiment platziert. Dadurch konnte zwar die Übertragung von Milch auf andere Lebensmittel gestoppt werden, doch das Problem an sich war noch nicht gelöst. Es blieb zu hoffen, dass die Forschung ein Mittel finden würde, grossflächige Ausbrüche einzudämmen. Aber das hätte Jahre dauern können. Glücklicherweise kam die Bevölkerung noch rechtzeitig zur Vernunft und beschloss, alles daranzusetzen, jeglichen Kontakt mit Beutelmilch zu vermeiden. Deren Verkaufskurve flachte dadurch stark ab. 2005 gingen nur noch 2 Prozent aller verkauften Frischmilch in Beutelform über den Ladentisch.

Was ich Ihnen damit sagen will: Gerade in dieser schwierigen Situation ist es für ausnahmslos alle von uns ungemein wichtig, das Hörbuch zur Biografie vom deutschen Schauspieler und Komiker Mike Krüger zu hören.

Martin Erdmann

Der «Bund»-Redaktor behält sich vor, wenn alles auseinanderbricht, eine Karriere als Motivationscoach zu starten.

3 Kommentare zu «Arg gebeutelt»

  • Eva Glauser-Kleefeld sagt:

    Die „Forschung“ hatte sehr wohl ein probates Mittel erfunden. Es wurden nämlich Behältnisse mit Henkel kreiert, in denen die Beutel aufrecht platziert werden konnten und die Milch fast tropffrei (so man denn eine Ecke im richtigen Winkel abgeschnitten hatte) ausgegossen werden konnte. Selbstredend musste dieses Behältnis käuflich erworben werden und wurde, der Käuferschaft zu Diensten, direkt neben der Schlauchmilch feilgeboten.

  • Martin Erdmann sagt:

    Guten Tag Frau Glauser-Kleefeld

    Da haben Sie natürlich recht. Aber zumindest haben meine Erfahrungen gezeigt, dass es immer schwieriger wurde, die Milch in das gewünschte Gefäss zu schütten, je leerer der Beutel wurde. Nicht zu unterschätzende Menge landeten dadurch im Inneren des besagten Krugs oder an einem anderen undienlichen Ort. Deshalb vermute ich, dass ich während dieser Zeit an starkem Kalziummangel gelitten habe.

    Beste Grüsse,
    Martin Erdmann

  • Zumstein Elisabeth sagt:

    Mit Interesse und Humor habe ich diesen Artikel gelesen.
    Mit der Beutelmilch wurde ich noch in diesem Jahr (wie in vielen Jahren vorher auch) in Argentinien konfrontiert. Sie gibt es als immer noch und wird rege gekauft, da billig.
    Mir wurde wieder einmal richtig bewusst, wie verwöhnt wir hier in der Schweiz sind. Und ich muss gestehen, ich geniesse es in einem so wundervollen Land zu leben.

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