Ein ungewolltes Jobangebot im Zug

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann muss den Koffer einer Touristin bewachen. Eine aufwühlende Aufgabe.


Es wird Sie überraschen, aber ich werde manchmal dazu aufgefordert, an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Als wäre das nicht schon ärgerlich genug, finden diese oft ausserhalb des Bernmobil-Netzes statt. Da die Gesellschaft auch im neuen Jahr anscheinend nicht dazu bereit ist, von mir abzulassen, sass ich kürzlich also wieder einmal im Zug. Unangenehmerweise hielten sich noch andere Menschen in meinem Abteil auf. Darunter eine asiatische Touristin. Nach einer Weile fragte sie, ob ich auf ihren Koffer aufpassen kann, während sie auf die Toilette geht. Weil ich in zwischenmenschlicher Interaktion immerhin so weit geübt bin, um zu wissen, dass eine solche Frage eine Bedenkzeit vorsieht, die idealerweise in eine sofortige Antwort übergeht, geriet ich in Zeitdruck. Schliesslich soll über eine solche Anfrage nicht unüberlegt entschieden werden.

Ich muss gestehen, ich war geschmeichelt. Obwohl sich durchaus noch andere Kandidaten im Sichtfeld der asiatischen Touristin aufhielten, schrieb sie meinem Erscheinungsbild die höchste moralische Integrität zu. Gleichzeitig empfand ich ihr unerschütterliches Vertrauen in meine Fähigkeiten, ihr Hab und Gut zu bewachen, als unangenehm. Denn hätte sie sich darum bemüht, mich nach meinen Qualifikationen für dieses Mandat zu fragen, hätte sie erfahren, dass ich in meinem beruflichen Werdegang keinerlei Erfahrungen in Bewachungs- und Sicherheitsaufgaben verzeichnen kann. Nach arbeitsmarktlichem Standard war ich also komplett ungeeignet für den Job.

Während die asiatische Touristin immer noch auf eine Antwort wartete, nahm ich den nächsten Gedanken in Angriff. Mir wurde klar, dass ich so gut wie nichts über meine Auftraggeberin und das zu bewachende Objekt wusste. Was, wenn sich im Koffer Dinge befinden, die ich nicht mit meiner Person in Verbindung gebracht haben will? Zum Beispiel abgehackte Körperteile, angereichertes Uran oder Crocs? Darüber müsste doch vor Stellenantritt Transparenz geschaffen werden. Schliesslich könnte jederzeit die Bahnpolizei zwecks Stichkontrolle das Abteil betreten. Und ich wusste nicht, wie ich den Beamten glaubhaft erklären sollte, dass die Leichenteile in diesem Koffer nicht mir, sondern der asiatischen Touristin gehören, die zufälligerweise gerade auf der Toilette weilt.

Weil ich es jedoch für unverantwortlich hielt, diese  gewissenhafte Aufgabe einer Person zu überlassen, die es nicht einmal geschafft hat, sich gegen mich durchzusetzen, sagte ich der asiatischen Touristin zu. Selbstverständlich bereute ich es alsbald, als sie ihren Platz verliess. Denn was, wenn der Koffer in der Zwischenzeit aus meiner Obhut entwendet werden würde? Natürlich war ich bereit, vieles daranzusetzen, um das zu verhindern. Aber bis zu welchem Punkt? Auf ein mildes Handgemenge hätte ich mich wahrscheinlich noch eingelassen. Doch bei brachialer Gewalt wäre es mit meiner Ritterlichkeit vorbei gewesen.

Weil die Zeit verging, ohne dass ich an Leib und Leben bedroht wurde, beschäftigte mich bald ein anderes Problem. In 20 Minuten sollte der Zug meinen Zielbahnhof erreichen. Was, wenn die asiatische Touristin bis dahin nicht zurückgekehrt ist? Da ich mich aus Diskretion nicht über Grund und Dringlichkeit ihres Toilettengangs erkundigt habe und nicht weiss, wie asiatische Innereien auf schweizerische Kost reagieren, hatte ich keinerlei Anhaltspunkte, auf wann ihre Rückkehr zu erwarten war. Erst als ich mich bereits völlig entnervt damit abgefunden habe, meinen Ausstieg zu verpassen, kam sie den Gang entlanggelaufen. Vielleicht sollte ich künftig auf gesellschaftliche Veranstaltungen ausserhalb des Bernmobil-Netzes verzichten.

Martin Erdmann

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poller.derbund.ch

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