Das Aschenbrödel von Bern

«Poller»-Kolumnist Dieter Stamm macht trockenes Erbrecht zur Märchenstunde.


Es war einmal ein Schlosser aus Wien, der kam nach Bern und verliebte sich in die Stadt. Und zwar so sehr, dass er innerhalb von drei Jahren siebenmal dislozierte und eine Tochter zeugte. Dann hatte er genug und ging wieder nach Wien zurück – und die Tochter blieb in Bern. Aber Bern war so wunderschön und die Tochter so allerliebst, dass sich der Schlosser entschied, auch aus dem fernen Wien für sie zu sorgen. 18 Jahre lang schickte er ihr immer mal wieder etwas Geld und ganz gewiss auch liebe Grüsse. Dann verloren sie sich aus den Augen.

Der Schlosser lebte noch viele lange Jahre in Wien, und seine Liebe zu Bern und seine Wohltaten für seine allerliebste Tochter bescherten ihm einen Reichtum, wie es für einen Schlosser zu seiner und allen Zeiten sehr ungewöhnlich war. Aus dem spärlichen Geld, das er ihr schickte, wurden in seinem eigenen Säckel Hunderttausende, manche Menschen munkeln, gar Millionen. Dann starb er alt und reich und einsam.

Weil der Schlosser in Wien also keine andere allerliebste Tochter hatte, der er sein Hab und Gut hätte geben können, und auch sonst keine Menschenseele, so erbte seine Tochter aus Bern den ganzen schönen Reichtum. Gewiss würde sie mit all den Schätzen bis ans Ende ihrer Tage glücklich und zufrieden leben. Aber unglücklicherweise war die Tochter nicht aufzufinden, denn niemand kannte ihren Namen, nicht in Wien und nicht in Bern.

Da erinnerte man sich an das Märchen von Aschenbrödel, in dem ein Prinz jene holde Maid heiraten wollte, der ein ganz bestimmter Schuh passte. Also sollten alle Frauen aus Bern und dem ganzen Lande, die im Alter zwischen 55 und 57 Jahren waren, vorsprechen und beweisen dürfen, dass sie die Tochter des reichen Schlossers seien und sodann das Anrecht auf den ganzen schönen grossen Besitz hätten.

Und siehe da, es kam die Renate aus Bern-Bethlehem und legte sämtliche Schriften vor, die – so meinte alle Welt – einwandfrei bewiesen, dass sie ebendiese Tochter des reichen Schlossers aus Wien war. Aber, oh Schreck, der Computer, den man zurate gezogen, sagte: «Rucke di guh, rucke di guh, die DNA ist nicht rein, die rechte Erbin sitzt noch daheim.»

Danach kamen Hunderte Frauen aus Bern und dem ganzen Lande, und eine jede schwor bei Gott und allem, was ihr heilig war, sie sei die allerliebste Tochter des reichen Schlossers und also die rechtmässige Erbin des Schatzes. Aber immer wieder sagte der Computer: «Rucke di guh, rucke di guh, die DNA ist nicht rein, die rechte Erbin sitzt noch daheim.»

Ausser bei Marlies aus Bümpliz, Annemarie aus Ostermundigen und Paulina aus Spiez. Bei ihnen allen sagte der Computer: «Rucke di guh, rucke di guh, die DNA ist rein, die rechte Erbin, sie führt das Geld heim.» Denn niemand auf der ganzen Welt hatte gewusst, wie sehr der Schlosser aus Wien in den drei Jahren, in denen er in Bern gelebt hatte, nicht nur die wunderschöne Stadt, sondern auch die allerliebsten Frauen verehrt hatte.

Und so lebten Marlies aus Bümpliz, Annemarie aus Ostermundigen und Paulina aus Spiez glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann besitzen sie einen Teil des Geldes vielleicht noch heute.

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, die letzte Woche publik wurde. poller.derbund.ch

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