Liebe SBB

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz sucht das Gespräch mit der SBB und erinnert sich an rote Raucherwagen.


Gott hat nicht mehr angerufen. Er ist gerade in den Ferien im Tessin, gestern kam eine Postkarte. Gott fährt übrigens immer mit dem Zug in die Ferien. Und genau gleich wie Frau Feuz findet auch Gott, dass ihr, liebe SBB, im Moment gerade etwas gar viel Schelte einstecken müsst. Klar doch, beim Kauf des Rollmaterials und bei der Rekrutierung neuer Lokführerinnen habt ihr geschlampt. Das schleckt keine Geiss weg, und dafür darf man euch auch Saures geben. Aber wenn Leute einen hochroten Kopf bekommen, weil einer eurer Züge mit drei Minuten Verspätung unterwegs ist, dann ist das einfach nur furchtbar kleinlich. Wer sich über so kurze Verzögerungen aufregt, der ist garantiert noch nie in Italien, England, Deutschland… ja eigentlich überall in diesem Ausland Zug gefahren. Sicher, auch Frau Feuz hat sich schon geärgert, wenns nach der Durchsage «Geeeeeee-schätzte Fahrgäste…» dann grad nicht auf den Anschlusszug reichte. Aber Fakt ist: In 98 Prozent der Fälle komme ich dann an, wann ich soll. Und die olle Feuz ist im Fall viel mit dem Zug unterwegs, im Schnitt rund zehn Stunden die Woche.

Generell seid ihr für mich ja so etwas wie eine nette alte Tante, liebe SBB, die einen schon durchs ganze Leben begleitet. Wie aufregend war das damals auf dem Maibummel in der Unterstufe, als man in euren Waggons noch alle Fenster öffnen konnte, den Kopf gefährlich weit herausstreckte, die Haare im Wind flattern liess und Chöderlige abseilte. Das totale Abenteuer. Inklusive Ohrenweh am Abend. Damals sah man unten ja auch noch
die Holzschwellen der Geleise vorbeiflitzen, wenn man sich übers Klo gebeugt vom Mageninhalt verabschiedete. Und das musste man ja ab und zu auf so einem Maibummel. Lief immer öppe gleich: Den Alibiapfel möglichst schnell verlieren und sich dafür im Eiltempo Sportmint, Landjäger, Ovo-Schoggi und all die anderen Ungesundheiten einverleiben, die es immer nur zum Maibummel gab. Zum Dessert schwatzte man einem Klassengspändli dann noch eine Tüte Gummibärchen ab. In der Welt einer Sechsjährigen eine fantastische Idee – für deren Magen die totale Überforderung.

Später habt ihr mich dann auch durch meine Lehrzeit begleitet, gell, liebe SBB. Damals gab es noch rote Raucherwagen. Die waren grossartig, weils dort nie Kinder drinhatte. Schliesslich war man ja gerade damit beschäftigt, selber nicht mehr Kind, sondern wahnsinnig cool zu sein. 5i-Zug, im letschte Roucher, the place to be, und falls man die Fahrt einmal verpasste, ging ein Stück Teenage-Welt unter. Oft sah man in diesem Wagen vor lauter Hormonausdünstungen und Zirkuszigarettenrauch die eigene Hand nicht mehr vor Augen. Und wer da in der Weltstadt Thun jeweils kichernd dem letzten roten Waggon entstieg, hätte garantiert auf Anhieb als Zombie bei «The Walking Dead» anheuern können.

Hach, liebe SBB, noch heute seid ihr ein Stück Heimat für mich, auch wenns ja nun nicht mehr ganz so abenteuerlich zu- und hergeht wie früher. Ich fühl mich immer schampar geborgen, wenn ich im Bauch eines eurer Waggons durch die Schweiz geschippert und geschaukelt werde. So ein bisschen wie früher im Kinderwagen ist das. Ich hab im Fall kein Problem damit, wenn das in zwei Prozent der Fälle auch mal ein paar Minütchen länger dauert. Ihr macht einen tami guten Job, liebe SBB, dafür sei euch an dieser Stelle herzlich gedankt. Für euch brech ich jederzeit eine Lanze. Ruft mich einfach an, wenn euch einer blöd kommt, ja?! Ich hab ziemlich gute Beziehungen ins Tessin. Im Gegenzug würd ich mich sehr über eines eurer sauteuren Generalabonnements zu Weihnachten freuen.

Geeeeee-schätzte Grüsse,
eure Frau Feuz

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und geht manchmal extra Zug fahren, weil sie nirgends sonst so gut arbeiten kann, vorausgesetzt, es sind keine Walliser Weissweinwanderer und Damenturnvereine anwesend. Ob der Chef auch weissweinwandert, ist nicht bekannt, weil er das mit einem anderen Familienclan täte.

poller.derbund.ch

3 Kommentare zu «Liebe SBB»

  • Teuscher Urs sagt:

    Ach ja, die Raucherabteile! Da die nicht so gross waren, setze man sich einfach irgendwo dazu und lernte neue Menschen kennen.
    Später ist mir das nur noch morgens im Speisewagen bei einem Espresso zwischen Spiez und Thun passiert.
    Seither fahre ich lieber im Speisewagen mit.

  • Paul Moser sagt:

    Schön doch, auch einmal ein paar positive Zeilen lesen zu können (ist eher selten geworden) gegenüber dem täglichen Bashing in den Online- und sozialen Medien.

  • Natischer sagt:

    Ich lege Wert auf die Tatsache, dass diese Weinwanderungen zwar wohl im Wallis stattfinden, die Herkunft der Weinwandernden jedoch in knapp 100% der Fälle anderskantonal ist.

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