Den Anschluss verpasst

«Poller»-Kolumnist Dieter Stamm schaut in dieser Kolumne ins Internet - und verliert dabei den Anschluss.

Das Internet Anfang der 90er-Jahre, als es noch in den Kinderschuhen steckte, muss ein spezieller Ort gewesen sein. Ein Ort, in dem die Menschen – Kindern gleich, die mit staunenden Augen die Wunder der Welt entdecken – fasziniert waren. Vor allem aber sollen die Nutzer einander damals wohlgesonnen gewesen sein. Bibeltreue Menschen würden es vermutlich mit dem Paradies vergleichen, ehe der Apfel der Sünde für die Vertreibung sorgte. Aber man sollte nicht übertreiben.

Wie auch immer: Diese wunderbare Zeit dürfte niemand so gut beschrieben haben wie Edward Snowden, der Mann, dem wir die Beweise zu verdanken haben, was die Geldgierigen und Mächtigen später aus dem Internet gemacht haben. In seiner Autobiografie «Permanent Record» heisst es über seine Anfänge als Hacker, als er, ein Bub noch, die Geheimnisse der neuen Technologie erforschte: «Die Antworten, die ich erhielt, waren so grosszügig und freundlich, wie es heute undenkbar wäre. (…) Sie wurden wortreich von Profi-Informatikern beantwortet, die auf der anderen Seite der USA wohnten. Ihre Antworten waren nicht aus irgendeinem Handbuch abgeschrieben, sondern ausdrücklich für mich zusammengestellt, damit ich meine Probleme Schritt für Schritt bearbeiten konnte.» – Was offensichtlich prima funktioniert hat.

Ich selber habe diese paradiesischen Zeiten leider nie erlebt. Nicht weil ich zu jung gewesen wäre, eher im Gegenteil, und auch nicht, weil mir paradiesische Zustände per se ziemlich suspekt sind, sondern schlicht deswegen, weil ich nicht auf der Höhe war. Als ich entdeckte, dass das Internet mehr zu bieten hatte als Youtube und Youporn, nämlich Interaktion zwischen Menschen, war schon Facebook da. In meiner Naivität trat ich bei und wunderte mich über die meisten, die mit mir befreundet sein wollten, und es dauerte, ehe ich begriff: Sie wollen gar nicht meine Freunde sein, sie sind bloss darauf erpicht, einen Kontakt mehr zu haben, der ihr aufregendes Leben bewundert. Nachdem ich zwei oder drei Jahre lang ihre Kinder, Hunde, Ferienfotos und Teller gesehen hatte, trat ich wieder aus. Es beelendete mich.

Seither habe ich ein wenig den Anschluss verloren. Aber ich lese immer wieder in der Zeitung über die Beklopptheiten dieser neuen Welt. Kürzlich über das sogenannte Sadfishing. Da breiten die Leute ihre psychischen Probleme in den sozialen Medien aus, um damit erfolgreich zu sein. Im Fachjargon heisst das: Likes und Shares erzeugen, um Follower zu gewinnen. Vorreiter seien Justin Bieber und Kendall Jenner gewesen, die mit ihren Depressionen ein Millionenpublikum unterhalten hätten (von Justin Bieber hab ich schon gehört, aber wer ist Kendall Jenner?).

Oder ich lese von Polizisten, Zugbegleitern und Sanitätern, die sich über eine starke Zunahme verbaler und physischer Attacken beschweren, was Experten auf den rüden Umgangston in den sozialen Medien zurückführen, der die grosszügige und freundliche Welt, der Snowden in den Anfängen des Internets begegnet ist, abgelöst hat. Sogar die Beschimpfungen auf der Strasse unter wildfremden Passanten hätten aus diesen Gründen dramatisch zugenommen. Psychoanalytiker Jürg Acklin brachte es in der «NZZ am Sonntag» auf den Punkt: «Wer differenziert, ist ein Trottel.»

Dieter Stamm

Natürlich nimmt der Verfasser dieser Kolumne für sich in Anspruch, ein Trottel zu sein. Allerdings befürchtet er, den Anschluss nicht nur im Internet, sondern auch auf der Strasse verloren zu haben: Er wird einfach nie beschimpft.

1 Kommentar zu «Den Anschluss verpasst»

  • Martin Dischler sagt:

    Ich weiss nicht, wie alt der Kolumnist ist, aber ich bin in den 1980ern aufgewachsen. Damals wurde das Fernsehen für alle (vermeintlichen) Missstände der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Dann folgten Computer(-spiele) und das Internet. Vor dem Fernsehen waren es u.a. das Lesen von Romanen und auch das Radio. Damals wie heute machen es sich die Kritiker zu einfach: „Von der Apokalypse sind wir soweit entfernt wie vom Paradies. Das ist vielleicht langweilig, aber nicht tragisch. Es gibt Paparazzi des Verfalls, die überall Untergang wittern, wo doch nur der distinguierte Geschmack beleidigt wird.“ Peter Trawny in: Technik.Kapital.Medium (2015).

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.