Wir arbeiten unsere Vergangenheit auf

«Poller»-Kolumnist Dieter Stamm hat in der Stadt Sophia die Ohren gespitzt.

Sofia, 2019: Daniel hält die Erinnerung an die kommunistische Zeit in Bulgarien wach. An 365 Tagen im Jahr, auch an Heiligabend und an Silvester führen er oder eine Kollegin durch Sofia – auf den Spuren des Kommunismus. Es ist eine private Initiative, Daniel ist humorvoll, kundenfreundlich und geschäftstüchtig. «Wie ein echter Kommunist», werde ich ihn später loben.

Auch an diesem schönen Sommertag ist eine Handvoll Touristen gekommen. Wir stehen jetzt vor einer alten Kirche, die einst dem kommunistischen Regime getrotzt hat. An Weihnachten und Ostern zeigte das bulgarische Fernsehen jeweils ausgewählte Westfilme, sagt Daniel. Damit die Leute nicht zur Kirche gingen.

Irgendwann fragt er: «Wie geht man denn in euren Ländern mit den dunklen Seiten der Vergangenheit um?» Einen Moment lang herrscht betretenes Schweigen. Dann meldet sich ein Österreicher. «Wir waren ja einmal Weltmacht, gell. Und jede Weltmacht lädt Schuld auf sich, das ist ja klar. Aber im 2. Weltkrieg waren wir dann die Opfer.» Ich sehe das ein wenig anders, sage aber nichts. In der Schweiz war damals ja auch nicht alles gut. Eine Italienerin sagt: «Wir haben Salvini, und wir reden den ganzen Tag über nichts anderes. So arbeiten wir Schwieriges auf.» Eleganter, denke ich, kann man nicht davon ablenken, dass der italienische Faschismus nicht im Ansatz aufgearbeitet ist.

Daniel erzählt anschaulich und witzig. Es ist wichtig, dass seine Worte Unterhaltungswert haben. Denn zu sehen gibt es wenig – fast, als hätte es den Kommunismus hier nicht gegeben. Geblieben ist nicht einmal ein lukrativer Schauertourismus. Sie hatten keinen Ceausescu, ihr Anführer war weder exzentrisch, noch starb er spektakulär. Und auch das Nationalmuseum, ein prächtiger Bau aus dem Jahr 1974, kann sich nicht an die kommunistische Zeit erinnern. Dabei beherbergte das Gebäude damals die zentralen Regierungseinheiten.

Wir stehen auf einem leeren Platz, mit dem die Stadt Sofia nichts anzufangen weiss. Das Touristengrüppchen hat jetzt ein Thema gefunden: nationale Sünden. Eine Frau aus dem flämischen Teil Belgiens zieht über die Wallonen her. Das ist mein Stichwort: «Minderheiten brauchen halt sehr viel Aufmerksamkeit, weil sie sehr, sehr empfindlich sind. Die Schweiz fährt seit über 150 Jahren gut damit, genau das nicht zu vergessen.» Eine Norwegerin sagt: «Das ist natürlich auch keine Kunst, wenn man reich ist.» Worauf ich denke: Sagt ausgerechnet eine Norwegerin.

Auf dem leeren Platz stand einst das Georgi-Dimitroff-Mausoleum. Von seiner Galerie herab nahmen die Mitglieder des kommunistischen Politbüros am 1. Mai jeweils die Parade ab. Ausser am 1. Mai 1986. Da stand das Volk alleine entlang der Strasse, die Galerie war leer, sagt Daniel, weil die Führung des Landes Angst vor ungünstigen Wetterverhältnissen hatte. Fünf Tage zuvor war es in Tschernobyl zum Reaktorunfall gekommen.

Ein Mann aus Hannover sagt: «Wir Deutschen haben die Nazizeit ja bis ins Letzte aufgearbeitet. Gründlich deutsch, wenn ich das so sagen darf. Das hat uns geprägt.» Na ja, denke ich, für die BRD mag das stimmen, für die DDR eher nicht. Daniel fragt: «Wie geprägt?» – «Na ja», erwidert der Mann aus Hannover, «auch menschlich halt.» Aber Daniel will es ganz genau wissen: «Wie menschlich?» Jetzt hat der Mann aus Hannover die volle Aufmerksamkeit der Gruppe. Er schaut sich um und sagt dann: «Wir können zum Beispiel auch über Peinliches reden. Das können andere weniger gut, glaube ich.» Ich freue mich schon darauf, dass Daniel nachfragt: Wie peinlich? Aber da redet der Österreicher dazwischen und sagt: «Doch, doch, was meinst du denn, das können wir auch.»

Mag sein, dass der Verfasser dieser Zeilen als Schweizer weniger gut über Peinliches reden kann als ein Deutscher oder ein Österreicher, aber er kann dafür gut peinlich sein. Zuletzt bei einer Stadtführung in Sofia, als er gegenüber einem Deutschen den österreichischen Dialekt nachäffte: «Geh, wos manst denn, des kennan wir aa.» Ohne zu merken, dass der Österreicher direkt hinter ihm stand. Dabei mag er die Österreicher eigentlich sehr.

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